Mal den inneren Pavarotti auspacken

Alle Generationen treffen sich zum Scratch-Projekt in Hagen. Das Motto: Singen kennt keine Grenzen.
Alle Generationen treffen sich zum Scratch-Projekt in Hagen. Das Motto: Singen kennt keine Grenzen.
Foto: WP-Foto Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Zum Scratch-Projekt kommen begeisterte Sänger aus ganz Deutschland nach Hagen. An einem einzigen Tag studieren sie ein Programm ein und führen es abends vor Publikum auf. In diesem Jahr wurden Volkslieder in neuen Arrangements gesungen.

Hagen.. Singen ist das letzte Abenteuer. Singen verwandelt graue Büromäuse in strahlende Stimmakrobaten. Singen hält gesund, macht glücklich und kostet gar nichts. Und darum wagen rund 250 begeisterte Laien in Hagen ein Experiment. Sie treffen sich, um mit Generalmusikdirektor Prof. Florian Ludwig und den Philharmonikern an einem einzigen Tag ein Konzertprogramm einzustudieren und aufzuführen. Anfänger sind beim Scratch genauso willkommen wie trainierte Chorleute. Nur eins müssen die Teilnehmer mitbringen: Stehvermögen. Der Rest erledigt sich in der Gemeinschaft praktisch von allein, frei nach dem Motto: Wenn Du den Ton triffst, treffe ich den Einsatz.

Volkslieder statt Requiem und Oratorium beim Scratch? Florian Ludwig betritt gerne Neuland. Und hatte mit „Muss i denn“ und „Wenn alle Brünnlein fließen“ auf die Männerchöre spekuliert. Das funktioniert nicht wirklich, denn das Verhältnis zwischen Damen und Herren beträgt ungefähr 8:1. Liegt es am Pokalfinale? Die anwesenden Tenöre und Bässe schlagen sich jedenfalls hervorragend. Einer von ihnen ist Josef Wüllner. Der Warsteiner feiert seine Scratch-Premiere. „Das ist sagenhaft! Der Chef ist nicht zu toppen. Über einen so langen Zeitraum die Spannung so gut zu halten: Kompliment.“

Erstes Volkslieder-Scratch überhaupt

„Singen schon alle? Ich sehe hier einfach noch zu viele Haare“, fordert Ludwig die bunte Truppe auf, den Blick zu heben. Scratch ist nichts für Perfektionisten, aber etwas für Mutige. „Das Wichtigste ist, dass es kein Falsch gibt, es gibt nur Verbesserungsfähiges“, nimmt Ludwig Versagensängste: „Es gibt einen einfachen Trick, um zusammenzubleiben: Aufeinander hören.“

Komponist Andres Reukauf hat wunderbare neue Arrangements der alten Volkslieder geschrieben. Dabei bedenkt er uns „Alte“ wohlwollend mit flotten Lagenwechseln, komplizierten Sprüngen und ungewöhnlichen Intervallen. Wenn’s schräg klingt, liegt es allerdings nicht am Arrangeur. „Das ist nicht viel daneben, nur ein Viertelton unter Freunden“, kommentiert Ludwig unsere Harmoniesuche.

Keinen Westfalen-Alarm bitte

Die Sänger reisen nicht nur aus Hagen und Umgebung an, sondern aus ganz Südwestfalen und weit darüber hinaus, aus Hannover, Potsdam und Kirchzarten im Schwarzwald. Sing-Projekte gibt es zwar einige, doch mit einem Profisinfonieorchester gemeinsam auf der Bühne stehen, das kann man nur in Hagen. Beim Volkslieder-Scratch lernen die Sänger das Amarcord-Ensemble kennen, die fünf jungen Herren aus Leipzig zählen zu den besten Vokalquintetten in der Szene. „Das ist überwältigend“, lobt Alfons Siebert, Vorsitzender des Männerchors Arnsberg 1880. Die Arnsberger hören diesmal nur zu. „Aber wir werden bestimmt wieder teilnehmen.“

Die Sprüche des Generalmusikdirektors sind schon legendär. „Keinen Westfalen-Alarm bitte an dieser Stelle“, mahnt er bei „O Täler weit, o Höhen“. Es soll „so wird mein Herz nicht alt“ heißen, nicht „so wiad“. In „Ännchen von Tharau“ gibt es einen Begriff, der mit Zischlaut ausgesprochen werden muss. „Das ist ein so ganz unveganes Wort: Fleisch.“ Ute Prinz bereut die Fahrt aus Meschede nicht: „Dieser Florian Ludwig ist einmalig.“ Sie und Lineke Schmidt sind zum ersten Mal dabei. Lineke: „Es ist einfach toll.“

Der Tenor macht sein eigenes Tempo

Beim Scratch wird aus Sängern, die sich morgens nicht kennen, bis abends ein Team. Die Aufgabe lässt sich nur gemeinsam bewältigen, denn 250 Einzelstimmen sind noch lange kein Chor. „Der Tenor macht sein eigenes Tempo“, bremst Florian Ludwig die Herren bei „Das Wandern ist des Müllers Lust“. „Ich kann das verstehen, als Tenor ist man gewöhnt, dass einem gefolgt wird.“ Elke Springob aus Attendorn macht zum dritten Mal mit: „Es ist immer wieder ein großartiges Erlebnis, mit Orchester und so vielen Teilnehmern zu singen.“ Renate Reuber aus Drolshagen ist erstmals dabei. „Es ist einfach klasse. Florian Ludwig motiviert einen total.“

„Ich fühle mich überflüssig“, klagt Florian Ludwig mit demonstrativ gerunzelter Stirn und bittet: „Jetzt kommt der Moment, wo ein Blick zum Dirigenten erhellend ist.“ Beim großen Auftritt ist der Maestro der einzige, der den Riesenchor, die Musiker und die Solisten unfallfrei bändigen kann. Wenn das Publikum im Saal Platz nimmt, möchte man sich trotz dieser Ansage am liebsten hinter den Noten verstecken. Doch erstaunlicherweise klappt alles. Na ja. Fast alles. Der Scratch-Chor 2015 hat den Rat seines Maestros beherzigt: „Hier müssen Sie mal den inneren Pavarotti auspacken.“

Das nächste Scratch-Projekt bietet das Philharmonische Orchester Hagen am 5. Dezember an. Dann werden die schönsten Weihnachtschöre gesungen, darunter Händels „Hallelujah“. Info: 02331-207-3257.