Luftkriegstagebücher dokumentieren Grauen über Hagen

Der Hagener Fotograf Willi Lehmacher streifte am Tag nach dem ersten großen Luftangriff auf Hagen mit seiner Kamera durch die zerstörte Innenstadt.
Der Hagener Fotograf Willi Lehmacher streifte am Tag nach dem ersten großen Luftangriff auf Hagen mit seiner Kamera durch die zerstörte Innenstadt.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Drei eng beschriebene Bände umfasst das Kriegstagebuch aus dem Stadtarchiv. Unsere Zeitung zitiert ab heute jeden Tag daraus und freut sich auf Reaktionen.

Hagen.. Es hat etwas von der typisch deutschen Gründlichkeit. Und dieser Gründlichkeit und dem Ungehorsam eines Polizeioffiziers ist einer der überregional bedeutenden Schätze zu verdanken, die im Stadtarchiv Hagen schlummern. Ein Schatz, der uns 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs fast minutiös das Grauen noch einmal nachempfinden lässt, das die Stadt Hagen ereilte.

Frühjahr 1945: Nahezu täglich kreisten die Flugzeuge der Alliierten über der Stadt, nahezu täglich fielen Bomben, nahezu täglich riefen die Sirenen die Menschen in die Bunker und Luftschutzkeller. So geht es aus dem „Luftkriegstagebuch des Luftschutzortes Hagen“ hervor.

Drei eng beschriebene Bände umfasst dieses Kriegstagebuch, der Inhalt dokumentiert den bislang schlimmsten Zeitabschnitt in der Stadtgeschichte. In den dazugehörigen Akten ist jeder einzelne Angriff auf die Stadt kartiert und dokumentiert.

Nichts Vergleichbares

Dr. Ralf Blank, der Leiter des Stadtarchivs, kennt nahezu alle Bestände der kommunalen und staatlichen Archive zum Thema Luftkrieg. „Einen vergleichbaren Bestand habe ich weder im Ruhrgebiet noch darüber hinaus in diesem Umfang und mit der inhaltlichen Aussagekraft bisher noch nicht einsehen können.“

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Am 14. April 1945 standen die US-amerikanischen Truppen vor den Toren der Stadt. Seit Tagen lag Hagen unter Artilleriebeschuss, Tiefflieger griffen den Verkehr auf den Straßen an. In der Befehlszentrale der Luftschutzpolizei Hagen, die im Keller des Polizeigebäudes in der Prentzelstraße untergebracht war, erhielt der Polizei-Oberleutnant Seliger den Befehl, das seit September 1939 geführte Kriegstagebuch und die zugehörigen Schadensakten aller im Stadtgebiet festgestellten Bombenabwürfe und Luftangriffe zu verbrennen. Seliger brachte es nicht übers Herz, diese einzigartige Dokumentation zu zerstören. Er schützte das große Paket vor Feuchtigkeit und vergrub es in den Trümmern. Später holte er die drei Bände des Kriegstagebuchs und die Schadensakten wieder hervor und übergab sie dann dem Stadtarchiv. Ein historischer Glücksfall.

Erster Angriff am 16. Mai 1940

Der Polizeibeamte habe sich um die Stadtgeschichte und historische Forschung verdient gemacht, stellt Blank fest. Sein umsichtiges Verhalten sorgte im April 1945 dafür, dass heute Historiker sämtliche Angriffe auf die Stadt nachvollziehen können.

Auch den ersten auf Hagen am 16. Mai 1940. Um 0.31 Uhr heulten die Sirenen zum ersten Mal. Der eigentliche Fliegeralarm wurde um 1.02 Uhr gegeben. Versehen ist der Eintrag mit dem Vermerk: „Die Warnmeldung Fliegeralarm erfolgte zu spät. Sie fiel zeitlich mit dem Angriff zusammen. Hervorragend bewährt hat sich der Turmbeobachter. Seine Meldungen haben die Luftschutzleitung ausreichend orientiert.“

Betroffen waren von diesem ersten Angriff die Stadtteile Haspe, Wehringhausen und Eckesey. „Beim Eintreffen des Sicherheitsdienstes wurde festgestellt, dass mehrere Verletzte durch Selbstschutzkräfte nicht in die Luftschutzrettungsstelle, sondern sofort in das Allgemeine Krankenhaus eingeliefert wurden.“ Und weiter:

„Die Fernsprechleitung zum dritten Luftschutzrevier fiel infolge Bombentreffer sofort aus. Die Befehlsübermittlung erfolgte durch Polizei-Melder, der als Melder eingesetzte HJ-Angehörige vertrat. Der Grund lag darin, dass sie beim Anblick des tödlich verletzen Polizei-Reservisten Feisel die Nerven verloren und die Befehlsstelle nicht mehr verließen.“

Frust zu spüren

Seit jenem Tag nimmt der Umfang der Einträge zu. „Gerade gegen Ende des Krieges kann man zwischen den Zeilen deutlich den Frust spüren, dass die eigene Luftwaffe den Angriffen nichts mehr entgegenzusetzen hat“, so der Archivar Andreas Korthals, der in mühevoller Kleinarbeit die drei Bände des Kriegstagebuchs transkribiert hat. „Vielleicht werden wir es als kommentierte Edition herausgeben“, meint Dr. Blank.

Die Einträge enden am 2. April. Die seit Sommer 1944 im Hochbunker am Emilienplatz untergebrachte Hagener Luftschutzleitung meldete sich am 14. April endgültig per Funk ab: „Hier Hagen, Hauptmann H., die Amis kommen über den Platz auf die Befehlsstelle zu. Eben sind sie im Nebenraum. Hören Sie das ,Hands up!’? Widerstand ist sinnlos, sie hämmern gegen die Tür. Die vorbereitete Unbrauchbarmachung des Anschlusses wird noch durchgeführt. Auf Wiedersehen!“