Kürzere Öffnungszeiten - Trinkhallen geht es an den Kragen

Kiosk-Betreiber Cahit Günes vor seinem Laden an der Hestertstraße schaut in eine ungewisse Zukunft.
Kiosk-Betreiber Cahit Günes vor seinem Laden an der Hestertstraße schaut in eine ungewisse Zukunft.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Trinkhallen- und Kiosk-Betreiber in Hagen fürchten um Umsatz. Öffnungszeiten an den Wochenenden sind beschränkt. Nun will die Stadt das kontrollieren.

Hagen.. Das Büdchen ist trotzig. Schon immer gewesen. Es gehört zu den wenigen Geschäftsmodellen auf der Welt, das dem jeweiligen Zeitgeist immer standgehalten hat, obwohl es sich niemals verändert hat. Weil das Büdchen zwei Dinge kann: versorgen und berühren. Damit ist das Büdchen im Viertel Infrastruktur und Kultur zugleich. Doch jetzt geht es diesem unverwüstlichen, ruhrpottromantischen Geschäftsmodell in Hagen an den Kragen. Die Kiosk-Inhaber in der Stadt sind auf dem Baum.

Rita Klimek-Herrmann ist stinksauer. Seit 14 Jahren betreibt sie das „Schnuckerlädchen“ an der Schwerter Straße in Kabel. Wie bei den anderen 103 Kioskbesitzern in Hagen, flatterte auch in ihren Briefkasten vergangene Woche ein Schreiben der Stadt. Unmissverständlich macht die Stadt darin klar, dass Kioske, Trinkhallen und alle Verkaufsstellen, zu deren Kernsortiment der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften gehört, samstags nur bis 22 Uhr und sonntags nur fünf Stunden geöffnet haben dürfen. Wer sich nicht daran hält, zahlt 5000 Euro Strafe und riskiert die Konzession.

Bislang konnte rund um die Uhr geöffnet werden

Für die Büdchen-Macher in der Stadt ist das der größte anzunehmende Unfall. Bislang konnte rund um die Uhr geöffnet werden. In vielen Innenstadt-Kiosken klingeln samstagnachts erst richtig die Kassen, und Sonntag, darin sind sich alle befragten Betreiber einig, ist der umsatzstärkste aller Tage.

So wie bei Ali Camkiran, der einen Kiosk in Eilpe betreibt. Während unseres Telefonats kommen unentwegt Kunden in das Geschäft. Manche duzt er. Andere siezt er. In jedem Thekengespräch schwingt aber mit, dass man sich gegenseitig kennt. Das ist das, was Camkiran mit „Kultur“ beschreibt, wenn er über Kioske im Allgemeinen spricht. „Sie sind ein Kulturgut. Sie gehören zu dieser Stadt. Und man sollte sie lieber stärken als mit so einem Gesetz zu schwächen.“

Sonntag ist der stärkste Tag für Trinkhallen

Cahit Günes betreibt seit sechs Jahren die Trinkhalle an der Hestert­straße. „Man lebt für so eine Bude“, sagt er. Arbeitstage von 14, 15 Stunden seien an der Tagesordnung. „Die Änderung betrifft mindestens schon mal 52 Sonntage im Jahr. Das ist der Tag, an dem wir den besten Umsatz haben.“ Dann kämen die Kunden und kaufen die Dinge, die spontan noch benötigt würden. Reis, Öl, Duschgel, Hundefutter.

Günes vermutet, ähnlich wie Camkiran, dass die mächtige Tankstellenlobby hinter der Gesetzesänderung steckt. „Die Tankstellen sind ausgenommen von dem Gesetz, obwohl sie doch das gleiche Sortiment bieten wie wir“, ärgert sich Camkiran, „warum?“

Aber ist der Stein des Anstoßes wirklich eine Gesetzesänderung? „Nein“, heißt es von der Stadt Hagen. Grundsätzlich würden die Öffnungszeiten für Trinkhallen und Kioske bereits seit 2005 gelten, da zu diesem Zeitpunkt die bis dahin als alkoholfreie Gaststätte eingestufte Trinkhalle keine Erlaubnis mehr nach dem Gaststättengesetz benötigte. Somit unterlägen alle Trinkhallen und Kioske – es gibt demnach keinen Unterschied mehr dazwischen – dem Ladenöffnungsgesetz. Das sei zwar 2013 geändert worden, was aber nicht die Uhrzeiten berührt hätte, zu denen samstags und sonntags geöffnet werden darf.

Stadt Hagen duldete Öffnungszeiten zehn Jahre lange

Zehn Jahre lang hat die Stadt Hagen aber demnach nichts dagegen unternommen, dass Kioske in allen Quartieren der Stadt samstags nach 22 Uhr und sonntags länger als fünf Stunden geöffnet hatten. Und durch die Duldung entstand kaufmännische Routine bei den Betreibern.

Warum niemand einschritt? Es fehlt schlichtweg an Personal im Ordnungsamt, um die Einhaltung des Gesetzes zu überprüfen. Die Betreiber der Kioske seien nun angeschrieben worden, weil bei Überprüfungen festgestellt worden sei, dass die wenigsten Inhaber sich an die Zeiten halten würden.

Personalmangel als Grund

Personalmangel, so befürchtet Rita Klimek-Herrmann aus dem Kabeler Schnuckerlädchen, sei auch der Grund, warum manchen Kiosk-Betreibern das Schreiben der Stadt ziemlich egal sei. Sie beobachte, dass andere Büdchen um sie herum trotzdem weiter ihr eigenes Ding machen, während sie am vergangenen Sonntag prompt 500 Euro Umsatz einbüßte.

Viele Betreiber wüssten, dass die Stadt es personaltechnisch nicht stemmen könne, die Einhaltung des Gesetzes zu kontrollieren. Klimek-Herrmann hat sich bei der Handelskammer die Adressen der restlichen 103 Kioskbesitzer in Hagen geben lassen. „Wir streben eine Gemeinschaft an, die juristische Schritte einleiten wird.“ Das Büdchen soll nicht vor die Hunde gehen. Es will trotzig bleiben.