Keine neue Zeitrechnung

Eine neue Zeitrechnung gedachte der Rat am vergangenen Donnerstag einzuläuten. Was in jedem Wald- und Wiesen-Parlament hinter den Karpaten funktioniert, wird jetzt auch in Hagen zum Standard erhoben: Bei Abstimmungen ersetzt der Knopfdruck das Handzeichen.


Neuerdings steht auf den Tischchen der Mandatsträger eine Mikrofonanlage mit drei Knöpfen: „yes“, „no“ und „abstain“ – was Oberbürgermeister Erik O. Schulz in einem Schulungsblock pflichtgemäß mit der Vokabel „Enthaltung“ übersetzt. Damit verbunden der Hinweis, dass der Hersteller vorzugsweise international unterwegs sei und eine deutsche Beschriftung extra gekostet hätte. Launige Rückfragen kontert der OB augenzwinkernd mit der exklusiven „Präsidententaste“ – damit kann der Sitzungsleiter künftig jedem Diskutanten den Ton und damit das Wort abschneiden. Welch’ eine Versuchung . . .


Dann der erste Test: Jedes Ratsmitglied eine Stimme – 21 Ja, 20 Nein, dazu ein paar Unentschiedene. Das Probeergebnis erscheint per Beamer an der Ratssaal-Wand. Beeindruckend. „Was passiert, wenn ich mich verdrücke?“ schallt es aus Reihe 2. „Das ist wie im richtigen Leben“, erläutert Schulz, „erst nachdenken, dann entscheiden.“ Denn eine Korrekturtaste fehlt.


Nicht das einzige Abstimmungsrätsel: „Wenn mein Sitznachbar gerade an der Kaffeebar steht oder selbigen wegbringt, darf ich dann für ihn mitdrücken?“ Natürlich nicht! Aber wer kontrolliert’s? Mit der Elektronik und der festen Sitzordnung könnte technisch jede Abstimmung für die Regisseure aus dem Amt des Rates plötzlich zur namentlichen Abstimmung mutieren – ist das eigentlich mit der Geschäftsordnung des Rates vereinbar? Auch diese Frage bleibt vorerst unbeantwortet.


Nächstes Mysterium: Das hohe Haus kann das Ergebnis nicht politisch differenzieren. Wie hat welche Fraktion denn nun konkret abgestimmt? Nur Pro und Contra wird präsentiert. Wie linientreu die einzelnen Parteien sich verhalten, bleibt im Nebel des Systems verborgen und damit die Mutter aller demokratischen Fragen unbeantwortet. Keine farbigen Torten oder Balkendiagramme, die dem Votum im Stil des 21. Jahrhunderts zusätzliche Transparenz verleihen könnten. Die Fraktionschef bangen um die Abstimmungsdisziplin in ihren Reihen, das Publikum auf der Zuschauertribüne bleibt ratlos zurück.


Nach wenigen Minuten verläuft die Lehrstunde in moderner Demokratie im Sande. Mit der Präsidententaste wird das System wieder abgeschaltet. Der Hagener Rat stimmt traditionell ab: per Handzeichen, mit Zähl-Crew, Kuli-Notizen und handschriftlicher Addition. Der Anbruch einer neuen Zeitrechnung wird in Hagen vertagt – auf die nächste Sitzung am 7. Mai. Für ausreichend Spannung ist nach dieser Premieren-Dramaturgie auf jeden Fall gesorgt.

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