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Japanische Familie flüchtete nach Katastrophe nach Hagen

11.03.2016 | 09:00 Uhr
Anja Matsumoto (52) aus Hagen mit Mann Hideki (55) der einen Sushi-Laden Düsseldorf betreibt.Foto: Lars Heidrich

Hagen/Düsseldorf/Tokio.   Anja Matsumoto hat Tokio direkt nach der Nuklearkatastrophe mit der Familie für immer verlassen. Nun lebt sie mit ihrer Familie in Düsseldorf.

Sechs Jahre ist Fabian alt. Der Knirps lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Tokio. 250 Kilometer von Fukushima entfernt. Alles gut. Seine Eltern sind Anja und Hideki Matsumoto. Er, Künstler und Kunsterzieher, sie, Abteilungsleiterin einer Firma, die Design-Büromöbel verkauft. Der Knirps hat drei ältere Schwestern: Fiona, Lena und Felisa. Ein Leben ohne Sorgen.

Bis zum Freitag, 11. März 2011.

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Das Erdbeben um 14.46 Uhr Ortszeit und seine dramatischen Folgen katapultiert die Familie nach Deutschland, Zunächst nach Hagen. Hier ist Anja Matsumoto geboren und aufgewachsen.

Angst vor gesundheitlichen Folgen

„Uns ist vor fünf Jahren der Boden unter den Füßen weggezogen worden“, sagt die 52-Jährige. „Wir hatten uns das Leben aufgebaut, wussten, was wir wollten. Mit Anfang 50 steht man auf festen Pfeilern. Plötzlich bricht das Gefüge zusammen.“

Die Familie berät sich. Ein quälender Prozess. Zurück oder nicht. Am Ende herrscht Gewissheit. Sie bleiben. „Allein wegen der Kinder war es die richtige Entscheidung. Wir wollten keine gesundheitlichen Risiken für sie eingehen. Den Körper kann man nicht wechseln.“

Die gravierenden Auswirkungen der Radioaktivität hat aus ihrer Sicht keinen anderen Entschluss zugelassen. „Das Risiko, dass es zu genetischen Veränderungen kommt, war uns zu groß.“ Sie hat den Satz gerade gesagt, da kommt Tochter Lena, heute 16 Jahre alt, aus der Schule. „Ich habe zwei Freistunden.“ Beim Thema Japan wird die Schülerin vom Comenius-Gymnasium, 11. Klasse, hellhörig. Bei ihr meldet sich die japanische Seele. Immer wieder. „Ich vermisse unser Haus, meine Großeltern, meine Freunde.“ Kein einfaches Alter, keine leichte Situation. In den Herbstferien fliegt sie alleine nach Japan. Ihre Mutter zeigt Verständnis : „Kinder wollen nicht in die Fremde gehen. Sie brauchen ihre Wurzeln.“

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Der Neubeginn in Deutschland ist für die Familie zermürbend. Die Eltern tauschen die Rollen. „Es gab immer den starken Papa, auf einmal entscheidet die Mutter.“ Als neue Adresse kommt nur Düsseldorf in Frage. In der Landeshauptstadt ist Deutschlands größte japanische Gemeinde zu Hause. „Für alle ist das ein Stück Heimat. Es hilft, an die Erfahrungen in Tokio anzuknüpfen, sie nicht zu vergessen.“

Neubeginn wie bei Studenten

Mittlerweile hat Anja Matsumoto, sie hat 26 Jahre in Japan gelebt, das Gefühl, wieder angekommen zu sein. Das hilft. „Wir haben eine Adresse in Düsseldorf-Niederkassel.“ Mit einem Unterschied: „Wir planen nicht mehr. Das ganze Sicherheitsdenken fällt weg. Manchmal kommen wir uns wie Studenten vor, die vor einem neuen Lebensabschnitt stehen.“ Mit allen Schwierigkeiten.

Im August hat die vierfache Mutter nach dreieinhalb Jahren ihren Job bei einem japanischen Unternehmen verloren. „Die Firma, sozusagen Gardena auf Japanisch, hat in Deutschland ihr operatives Geschäft eingestellt. Meine Aufgabe hatte sich erledigt.“ Jetzt hält sie nach neuen beruflichen Perspektiven Ausschau. Ihre Hoffnung: „Mit japanischen Unternehmen werden sich Chancen bieten.“

Verlust der Sprache tut weh

Ihr Mann, bis vor einem guten halben Jahr Hausmann, hat seine ergriffen. Er verkauft im eigenen Sushi-Laden in Düsseldorf-Heerdt Köstlichkeiten aus rohem Fisch. Der 55-Jährige wirkt zufrieden: „Es war ein langer Weg bis hierhin. Und nicht einfach. Viele haben uns geholfen.“ Er hadert damit, dass seine Kinder ihre japanische Seite schleichend verlieren. Seine Sorge: Ohne die Sprache verliert der Nachwuchs die Beziehung zur japanischen Kultur. „Das ist ein großer Verlust.“

Mit seiner Frau und der ältesten Tochter Fiona (19), sie studiert in Amsterdam internationales Modemanagment, spricht er Japanisch, mit Lena Englisch und Japanisch. Und mit der heute 14-jährigen Felisa, in Tokio bilingual erzogen, muss er Deutsch reden. Besonders schmerzt den Vater der Verlust der gemeinsamen Sprache mit dem 11-jährigen Sohn: „Der Jüngste spricht kein Wort Japanisch mehr.“

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Joachim Karpa

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Japanische Familie flüchtete nach Katastrophe nach Hagen
Japanische Familie flüchtete nach Katastrophe nach Hagen
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http://www.derwesten.de/staedte/hagen/japanische-familie-fluechtete-nach-katastrophe-nach-hagen-id11641365.html
2016-03-11 09:00
Hagen