Insel-Durchbruch verschärft die Enervie-Lage

Hagen..  Während vor allem die Unternehmerschaft in der Region erleichtert durchatmen kann, dass die schmerzliche Erhöhung der Stromnetz-Entgelte lediglich ein temporäres Intermezzo des Jahres 2015 bleibt, regiert bei der Enervie-Belegschaft seit einer Woche die Angst. Allgemeiner Tenor: Die Mitarbeiter in den Kraftwerken zahlen jetzt mit ihren Jobs jenen Preis, der im Gegenzug den Mittelstand in der Region finanziell entlastet. C.D.-Wälzholz-Chef Hans-Toni Junius zeigte sich gestern im Gespräch mit dieser Zeitung entsprechend erleichtert, dass mit der Durchschlagung des Insel-Knotens seinem Unternehmen jährliche Mehrkosten von 1,5 bis 2 Millionen Euro erspart blieben: „Damit werden nicht bloß Arbeitsplätze erhalten, sondern es fällt auch wieder leichter, in der Region zu investieren.“

Finanzieller Bumerang

Die plötzlich nun doch mögliche technische Entflechtung des südwestfälischen Strom-Inselnetzes und der damit einher gehende Durchbruch bei der Netzentgelt-Problematik wird zum finanziellen Bumerang für die Enervie-Gruppe. Diesen Eindruck vermittelte der Vorstand am Dienstagnachmittag hinter verschlossenen Türen den Aufsichtsräten, denen damit die gravierendste Unternehmenskrise aller Zeiten ungeschminkt vor Augen geführt wurde. Durch die provisorische Anbindung an das AVU-Netz am Cuno-Kraftwerk, den Bau eines zweiten Transformators in Dortmund-Kruckel sowie eine Notfallreserve von 300 Megavoltampere (MVA), die Amprion nun doch plötzlich im Notfall über Garenfeld leiten kann, ist es ab Januar 2016 möglich, gesamt Südwestfalen ohne vorgehaltene Reserve aus Enervie-Kraftwerken ausreichend mit Strom zu versorgen. Dazu sind lediglich Investitionen von zwei Millionen Euro notwendig.

Für Enervie bedeutet dies, dass es für die Teams an den Kraftwerksstandorten, aber auch für Teile der Belegschaft in der Hauptverwaltung in zehn Monaten keine Verwendung mehr gibt. Parallel bricht damit die im Netzersatzanlagenvertrag zugesicherte jährliche 40-Millionen-Euro-Unterstützung der Bundesnetzagentur wieder weg. Enervie bleibt somit zunächst einmal auf den Lasten eines Sozialplanes alleine sitzen, dessen Kosten irgendwo zwischen 75 und 100 Millionen Euro liegen dürften. Zarte Hoffnungen, dass sich das Land an einer Transfergesellschaft beteiligen könnte, erscheinen im Moment eher vage. Der ohnehin unter einer massiven Liquiditätskrise leidende Energieversorger verfügt jedoch lediglich über Rückstellungen, deren Volumen von Insidern irgendwo zwischen 20 und 25 Millionen Euro beziffert werden. Weitere Millionen-Beträge für den Rückbau des Enervie-Kraftwerksparks sind im Rahmen der aktuellen Diskussion noch völlig offen.

Investitionen in Hengstey

Aufgrund dieser jüngsten Verwerfungen, so wurde im Aufsichtsrat vereinbart, soll in der März-Sitzung des Gremiums ein neuer Jahresabschluss mitsamt einer überarbeiteten mittelfristigen Finanzplanung vorgelegt werden. Dabei, so wurde dem Vorstand signalisiert, sei auch der Ausbau des Wasserwerks in Hengstey für etwa 15 Millionen Euro einzutakten, den die Enervie-Spitze bislang angesichts der Westfälischen-Wasserwerk-Alternative ausgeklammert hatte. Doch hier scheint es in Hagen inzwischen ein mehrheitliches Bekenntnis zu Hengstey zu geben. Offen bleibt derweil die Zukunft des Pumpspeicherwerks in Rönkhausen, das ebenfalls für einen Millionenbetrag ertüchtigt werden müsste. Auch hier präferiert der Vorstand eine Schließung – ein Kurs, der längst noch nicht von breiten Mehrheiten getragen wird. Mit den neuen Hausaufgaben für den Vorstand geht eine Bilanzverschiebung um sechs bis acht Wochen sowie eine entsprechende Vertagung der Hauptversammlung einher.

Seit dem Ende des vergangenen Jahres ist den Enervie-Aufsichtsräten bereits klar, dass die Existenzsicherung des Unternehmens im Fokus steht. Mit den jüngsten Entwicklungen hat sich dieses dramatische Szenario noch einmal verschärft. Vor diesem Hintergrund wagt im Aufsichtsrat im Moment niemand mehr, das Thema Dividendenfähigkeit überhaupt konkret anzuschneiden. Nächste Gelegenheit dazu wäre an diesem Freitag, wenn der Finanzausschuss des Aufsichtsrates (siehe Hintergrund-Kasten) zusammenkommt. Dabei soll auch hinterfragt werden, ob der vom Enervie-Vorstand propagierte harte Finanzschnitt – 2014 als Jahr der Bereinigung – als Signal an die Banken die Zukunft des Unternehmens sichert oder eine langfristigere Abschreibungspraxis zum Erfolg führt.