„Informatik muss verpflichtendes Fach werden“

Helfe..  Dr. Arno Pasternak unterrichtet in den Fächern Mathematik, Physik und Informatik an der Fritz-Steinhoff-Gesamtschule in Helfe. Der Informatiker hat drei Jahre lang mit insgesamt über 200 Schülern die bislang umfassendste Analyse von Informatikunterricht in Deutschland in der Sekundarstufe I durchgeführt. Nach seiner Studie sagt Pasternak: „Wir leben in einer Gesellschaft, die von der Informatik durchdrungen ist, aber kaum jemand versteht sie.“ Er fordert: Informatik muss ein gleichrangiges Schulfach für alle werden.

Herr Pasternak, gehen Sie gleich unter die Decke, wenn ich Sie frage, ob Informatik nicht nur etwas für Computer-Freaks ist?

Arno Pasternak: (lacht) Nein, das ist ja genau das Image das entsteht, weil die Fachrichtung in den letzten Jahrzehnten stiefmütterlich behandelt wurde. Am Anfang meiner Schullaufbahn waren wir Informatiker eine Minderheit. Wenn ich in einigen Jahren aus dem Schuldienst ausscheiden werde, wird die Situation wahrscheinlich noch viel schlimmer als damals sein. Die Anzahl der Informatik-Lehrer ist dann noch viel kleiner geworden. Dabei beschwören doch immer alle, dass wir in einer digitalen Welt leben und die Schüler auf diese vorbereiten müssen.

Warum ist Informatik in ihren Augen unumgänglich als festes Schulfach?

Einfach ausgedrückt: In der Informatik erlernen wir sehr umfassend das Zerlegen von Problemen. Das ist in der Informatik besonders ausgeprägt. Dazu kommt, dass Schüler beispielsweise das rekursive Denken erlernen. Das ist die Technik, eine Funktion durch sich selbst zu definieren. Das klingt sehr theoretisch, sind aber wichtige Gedankengänge, die in allen anderen Fächern und in unserer modernen und digitalen Lebenswirklichkeit unumgänglich sind. Mathematik, Physik und Chemie sind ja umgekehrt auch Schulfächer, weil ihr Denken in andere Fächer transferiert werden kann und wird.

Sie sprechen von moderner und digitaler Lebenswirklichkeit. Geben Sie doch mal ein praktisches Beispiel, wo informatisches Wissen im Alltag hilft.

Wir wünschen uns doch alle, dass Schüler so unterrichtet werden, dass sie in unserer Demokratie an der politischen Willensbildung teilnehmen können. Wie soll ich aber zum Beispiel beim Thema Datenschutz mitreden können, wenn ich die technischen Zusammenhänge gar nicht verstanden habe. Datenschutz ist ein sehr wichtiges Informatik-Thema. Oder: Wie soll beispielsweise über die Vorteile und Gefahren von Facebook aufgeklärt werden, wenn die Mechanismen der Plattform nicht verstanden werden können. Ich sage: Aus Spontan-Wissenden müssen, etwas übertrieben ausgedrückt, Experten werden.

Kann man das denn jedem Schüler abverlangen? Oder sollten sich die Talentierten später an der Uni damit befassen?

Genau das ist es, wogegen ich mich klar ausspreche. Informatik ist kein Fach für die Elite, sondern für alle. Jeder kann die Grundlagen der Informatik erlernen. Und die Informatik kann auch mit anderen Fächern als Hauptfach konkurrieren. Schauen sie doch mal ihren eigenen Alltag an. Berechnen Sie heute noch Rotationsintegrale wie sie es im Mathematik-Unterricht erlernt haben? Wahrscheinlich nicht. Viel mehr Menschen programmieren aber heute oder befassen sich mit Applikationen, komplexen ­Systemen oder tragen Smartphones mit sich rum.

Nun ist der Schulalltag in den vergangenen Jahren noch dichter und zeitlich noch fordernder für Schüler geworden. Informatik käme als Schulfach jetzt noch oben drauf, wenn es nach ihnen ginge.

Ganz klar: Es müsste dafür Unterricht wegfallen, es könnte nicht oben drauf kommen. Vielleicht kann es zuerst mehr in den Wahlpflichtbereich oder in die Sekundarstufe 1 integriert werden. In der Oberstufe müsste es zumindest so weit etabliert werden, dass es gleichrangig mit den Naturwissenschaften wäre. Es versteht sich von selbst, dass sich dann mehr Fächer in positiver Konkurrenz zueinander befinden. Klar ist auf jeden Fall: Der Informatikunterricht führt schon in kurzer Zeit zu einem enormen Kompetenzerwerb, der die Schüler besser auf die Zukunft vorbereitet.

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