In Hagen werden Klatsch und Tratsch nun ausgerufen
26.02.2011 | 17:35 Uhr 2011-02-26T17:35:00+0100
Hagen.Wer wissen will, was es an Kaltsch und Tratsch im Hagener Stadtteil Wehringhausen gibt, der sollte freitags ab 17 Uhr einfach auf der Straße sein. Denn dann läutet Maria Appelhoff eine Glocke und ruft aus, was es in Wehringhausen alles so passiert ist.
Eine Marktschreierin, sagt Maria Appelhoff und schüttelt den Kopf, das werde sie nicht sein. „Ich stelle mir vielmehr ein lautes Sprechen vor“, erläutert die 48-Jährige, die künftig jeden Freitag ab 17 Uhr als Ausruferin auf dem Wilhelmsplatz Klatsch und Tratsch, Bewegendes und Informatives aus Wehringhausen zum Besten geben wird.
„Ich gebe den Leuten meine Stimme für das gemeinsame Miteinander“, umreißt Maria Appelhoff mit leiser, fast sanfter Stimme ihre künftige Aufgabe. Kaum vorstellbar, dass diese Frau als Ausruferin Gehör quer über den Wilhelmsplatz finden wird. „Ich habe einen Stimmbildungskurs gemacht. Ich kann auch laut“, versichert sie schmunzelnd. Auf stimmverstärkende Hilfsmittel oder ein Kostüm will sie verzichten, wenn sie morgen auf ihrem geschmückten Podest steht. Nur eine Glocke soll freitags die Verkündungen einläuten. Musikalische Zwischenspiele lockern die etwa 30-minütige Aktion auf. Am Freitag spielt Maria Appelhoff Mundharmonika.
Vor einigen Wochen entdeckte sie bei einem Spaziergang durch ihren Stadtteil einen Aushang im Schaufenster des Stadtteilladens Wehringhausen. „Ausruferin gesucht“, stand dort geschrieben. „Drei Tage lang habe ich die Idee mit mir herum getragen. Ich fand sie von Tag zu Tag besser. Dann bin ich rein und habe mich beworben.“
Menschen sind hier eine Gemeinschaft
Wehringhausen – das sei ihr zu Hause geworden. Lange Zeit war Maria Appelhoff eine Pendlerin kreuz und quer durch das Ruhrgebiet. Nirgendwo hielt sie es lange Zeit aus. Bis sie nach Hagen kam, Hagen-Wehringhausen. Vor zehn Jahren war das. „Ich bin sesshaft geworden. Ich fühle mich hier einfach wohl.“ Die Aufgabe als Ausruferin sei so etwas wie „meine Liebeserklärung an Wehringhausen“. Das Engagement der Menschen für ihren Stadtteil habe sie bewegt. „Woanders wird immer nur geredet, hier wird gehandelt. Die Menschen sind eine Gemeinschaft“, sagt sie.
Gemeinsames Erleben will Maria Appelhoff jetzt als Ausruferin kreieren, wenn sie freitäglich ab 17 Uhr auf dem Wilhelmsplatz steht. „Ich kann verkünden, dass hier ein Kind geboren wurde oder dass jemand Gesellschaft beim Spazierengehen sucht“. Möglich seien auch Geburtstagsgrüße, tolle Schulnoten, eine gesprochene Annonce „Sofa zu verkaufen“ oder „Umzugshelfer gesucht“. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ausnahmen sind Beleidigungen oder Parteienwerbung. Diese werden nicht ausgerufen. Außerdem will sie Veranstaltungen im Stadtteil ankündigen, besondere Aktivitäten von Vereinen bewerben oder Aktionen der Einzelhändler vor Ort.
Angetan von der Idee einer Ausruferin für Wehringhausen ist auch Andrea Seegers, eine überzeugte Wahl-Wehringhauserin, wie sie sich selbst vorstellt. Sie überreicht Maria Appelhoff einen Umschlag mit einem Gedicht, das die Ausruferin vortragen soll. „Ich habe meinem ältesten Sohn gesagt, er soll doch einmal eine Liebeserklärung an seine Freundin ausrufen lassen.“
Aushang im Stadtteilladen
Wer selbst eine Nachricht ausgerufen haben möchte, muss sie aufschreiben, zusammen mit mindestens einem Euro in einen Umschlag stecken und im Stadtteilladen, Lange Straße 22, oder freitags am Podestwagen der Ausruferin abgeben. Gewerbetreibende zahlen fünf Euro. Die Nachrichten, die Maria Appelhoff freitags verkündet, werden anschließend eine Woche lang im Stadtteilladen ausgehängt.
Die Aktion wird gefördert vom EU-Projekt Mandie, das finanzielle Mittel gibt, um Wehringhausen lebenswerter und erlebnisreicher zu machen. Über diesen Fördertopf wird auch die Ausruferin honoriert.
19:22
Selbstverständlich muss an dieser Stelle an Aristotelse Definition der maximalen Größer einer Stadt erinnern Werden: So groß, dass ein Ausrufer, Marktschreier, Herold (ich heiße Harald, das kommt davon), noch von allen gehört wird.
Sollen so ca. 10 000 sein.
Das spielte in Small is beautiful Öko-Debatten einst eine Rolle.
Wegen der überschaubaren Handhabbarkeit, auch für das Gehirn.
Wehrinhghausen beherbergt mehr als doppelt so viele Mitbürger.
Der eigen Einfluss ist selbstverständlich umgekehrt proportional zur Gesamtzahl der Einwohner.
Dass Problem, das noch soviel Nullen (hier an Einfluss) addiert Null ergeben, trieb die Griechen
auch um.
So eine postmoderne anspielungsreiche Reallektuere von Marktschreierei ist doch sehr viel angenehmer und anregender.
Schliesslich sei noch erwaehnt, das Artistoteles als Theoretisierer der unmittelbaren Alltagserfahrung auch ein grosser Bremser der intellektuellen Entwicklung der Menschheit war.
Die Wiedervergesellschaftung stark VON BERUFS WEGEN, Arbeitsteilung, zersplitterter Bevoelkerungen ist ein durchaus ehrenwaertes Anliegen.
Wenn nicht der der Normalismus mit Dominanz der dumpfen Mitte mit mittlerer Abweichung waere.
Linke Politik ohne Volk ist wie Roulette ohne Kugel, hiess es frueher.
In Zeiten des Casinofianzkapitalismus, wo das Casino dringend geschlossen wer den muesste, aber vom Volk mit einen Achselzucken GELASSEN wird, ist das eher ein Lob als eine Drohung.
Also, nur bei Einsichten jenseits von Aristoteles macht sich die Produktivitaet von aktiven Gemeinwesen deutlich.
Da sind zum Beispiel die Kirchen noch weit von entfernt. Daher ihre sprichwoertliche Dorfgebundenheit.
Aber Maria rekurriert vielleicht eher auf Dylans The answer is blowin in the wind. Vom Markt singt der allerdings nichts.
14:01
Gut finde ich die Aktion auch; dass diese allerdings bezahlt wird, ist dann doch, vorsichtig gesagt, etwas übertrieben. So schlecht kann es uns ja nicht gehen, wenn für sowas Geld übrig ist. Eigentlich unfassbar!
09:41
Die Aktion ist sehr gut, dass es so was noch heute gibt ist beachtenswert.
13:56
Die Aktion wird gefördert vom EU-Projekt Mandie, das finanzielle Mittel gibt, um Wehringhausen lebenswerter und erlebnisreicher zu machen. Über diesen Fördertopf wird auch die Ausruferin honoriert.
Ich glaub, mich knutscht ein Elch...
Für was für schwachsinnige Dinge doch Geld da ist...