In Etage 16 muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Helfe..  Erstens: falsch. Zweitens: falsch. Und drittens: klar, falsch. Dort, wo die Familien Steinhauer und Neuenfeld leben, wird der nicht ganz vorurteilsfreie Besucher nicht nur von der absoluten Luxus-Aussicht über ganz Hagen überrascht. Rein in den Aufzug des Hochhauses Pappelstraße Nummer 36, Ausstieg auf Etage 16 und Wohnungstür auf für ein Stück über das Leben weit über den Dächern von Hagen.

Von wegen Anonymität

Fangen wir mal mit der ersten falschen Annahme über eines der charakteristischsten Wohnobjekte im Hagener Norden an. Wer annimmt, dass es in einem Wohnhaus mit 133 (!) Parteien (sechs Wohnungen auf jeder Etage) anonym zugehe, der irrt gewaltig. „Das Gebäude ist wie ein Dorf“, sagt Petra Neuenfeld, die mit ihrer Familie auf Etage 16 lebt, „vom Sehen kennst du jeden. Man trifft sich im Aufzug. Und die Nachbarschaft funktioniert. Man passt gut aufeinander auf.“

In dem riesigen Gebäude, das von zwei weiteren Hochhäusern flankiert wird, befinden sich ausschließlich Eigentumswohnungen. Nur vier oder fünf davon, so schätzt Heike Steinhauer, Etagen-Nachbarin von Petra Neuenfeld, seien fremdvermietet. „Ansonsten leben alle Besitzer auch in ihren Wohnungen.“

Ein bisschen schwierig kann es manchmal sein, wenn auf Eigentümerversammlungen über Maßnahmen in der Außenanlage, der Tiefgarage, an Fenstern oder Fassade debattiert wird. Entschieden wird am Ende mit einfacher Mehrheit.

Kommen wir zur zweiten Vorab-Fehleinschätzung, die lautet: Bei der Anzahl der Wohnungen muss der Wohnraum klein sein. Wieder falsch. Die Wohnung von Heike Steinhauer zum Beispiel hat geräumige 95 Quadratmeter und ist für eine vierköpfige Familie perfekt aufgeteilt.

Kinder ziehen aus und bleiben doch

Über das Hochhaus verteilt wohnen mehrere Generationen vieler Familien in eigenen Wohnungen. „Meine Schwester wohnt ein paar Etagen tiefer, und meine Mutter hat früher auch hier im Hochhaus gelebt“, sagt Steinhauer. Petra Neuenfelds Tochter hat sich eine Wohnung im unteren Teil des Hauses gekauft. Ihre Mutter lebt auf der 15. Etage. Wer hier aufwächst, verspürt nicht unbedingt den Drang, das Hochhaus verlassen zu müssen, sondern sich hier selbst ein schönes Wohnumfeld und eine gute Geldanlage zu verschaffen. Es sind nur selten Wohnungen frei.

Neuenfelds haben für eine 97 Quadratmeter-Wohnung einst 156 000 Euro bezahlt. Steinhauers für 95 Quadratmeter 100 000 Euro. „Die Wohnung ist bezahlt. Deswegen und wegen der Tatsache, dass ich in diesem Hochhaus bequem alt werden kann, muss ich hier auf keinen Fall weg.“

Denn obwohl das Baujahr des Gebäudes, Mitte der 70er-Jahre, vermuten lassen könnte, dass an die heute bei Bauvorhaben unerlässliche Barrierefreiheit noch niemand gedacht hat, gibt es auf dem Weg in die eigene Wohnung keine einzige unüberwindbare Hürde für alte oder behinderte Menschen. Wenn man will, muss man keine einzige Stufe nehmen. Wer das Herz-Kreislaufsystem fordern möchte, darf auch gerne das Treppenhaus benutzen . . .

Apropos Treppenhaus und Flure. Seit etwa zwei Jahren sind die Fenster auf den Fluren vor den Wohnungen abgeschlossen, um zu verhindern, dass lebensmüde Fremde sich mit einem Sprung in die Tiefe das Leben nehmen. In den Jahren seit Errichtung des Hochhauses ist das von Zeit zu Zeit passiert.

Ruhig ist es hier oben auf dem Balkon von Heike Steinhauer. Die Stadt, in deren letzte Winkel man aus jedem Zimmer blicken kann, schickt so gut wie keine Geräusche in die Höhe. Ruhe hoch oben über Helfe. Blick bis zum Fernsehturm nach Langenberg, nach Hohenlimburg, in die Innenstadt oder nach Vorhalle. „Ich habe mal drei Jahre woanders gewohnt“, sagt Heike Steinhauer, „und ich habe diese Aussicht vermisst.“ Ganz oben auf dem Gebäude im 23. Stock gibt es außerdem noch ein Penthouse.

Ein Hausmeister kümmert sich um alles, was anfällt im Gebäude. Höhere Nebenkosten entstehen durch die Aufzuganlage. Durch die Menge an Wohneinheiten können dafür aber auch zügig höhere Rücklagen für Investitionen gebildet werden. „Das Hochhaus ist ein gutes Lebensmodell, auch wenn man das vielleicht nicht direkt denkt, wenn man den großen Kasten aus der Ferne sieht“, sagt Petra Neuenfeld.

Wir verabschieden uns. Mit dem Aufzug geht’s zurück ins Erdgeschoss. Zurück auf den Boden. Jetzt ist alles richtiggestellt.