Improvisieren für die Bühne des Lebens
09.11.2007 | 18:17 Uhr 2007-11-09T18:17:00+0100
Die erste Bühneneinstellung: frontal. Aus unbeteiligten Individuen formt ein schlichter Rhythmus akustische Gruppendynamik. Szene 2: Isoliertes Lesen vereint sich zum Stimmengewirr mit akzentuierten Wortfetzen, schwillt an. Aus vielen Stimmen wird eine.
Kleine Kostprobe des JobAct-Teams. Applaus für eine ungewöhnliche Leistung. Diese jungen Menschen, 18 bis 25 Jahre alt, haben mit Schauspielerei nämlich eigentlich nichts am Hut. Sie sind Teilnehmer eines Theaterprojektes für junge Erwachsene auf dem Weg in die Ausbildung. Improvisieren für die Bühne des Lebens.
„Also: In der ersten Woche kam ich mir komisch vor”, sagt Ümet. David nickt: „Diese pädagogischen Tricks. Bälle werfen und so. Seltsam.” Das war der erste Eindruck. Heute, nach vier Wochen, sagt er: „Man lernt Teamfähigkeit.” Zuverlässigkeit. Selbstdarstellung. Lotet Stärken und Schwächen aus. - Weil sie was auf die Reihe kriegen wollen: Dennis, Leila, Andre und Co. Nicht nur in den fünf Monaten Theaterarbeit mit Regisseurin Maike Krause von der Projektfabrik. Sondern im Berufsleben.
Praktikum in Sachen Persönlichkeit
„Ich bin nicht hier um Schauspielerin zu werden”. So haben sie das „Casting” - von 90 Bewerbern blieben 20 übrig - auch nicht verstanden. Sara hat ihr Fachabi in der Tasche und eine genaue Vorstellung von der beruflichen Zukunft: Immobilienkauffrau. Ümet will in die Industrie - er hatte in der Probezeit erkannt, dass er auf dem Holzweg war. Andere sind seit zwei Jahren auf Jobsuche, manche gerade erst von der Schule gekommen. Hier gibt's sowas wie ein Praktikum in Sachen Persönlichkeitsentwicklung. David lacht: Heutzutage gibt's hochbezahlte Top-Manager, die Theater spielen und sich Bälle zu werfen - „und die zahlen richtig dafür!” Das müssen die 20 nicht. Das Projekt, ausgezeichnet mit dem Bundesförderpreis „Jugend in Arbeit”, wird von der Arge finanziert. Eine von 1000 Möglichkeiten, junge Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen. Eine gute dazu, sagt Ulrich Zastrau, seit 30 Jahren im Job, jetzt „Fallmanager”. Der, der sozusagen auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzt. Und findet: „Sie lernen sich realistisch einzuschätzen, entwickeln neue Perspektiven, Kompetenzen”. Und zwar andere als bei den sogenannten „Arbeitsgelegenheiten”. Umgangssprachlich: Ein-Euro-Jobs. „Ich hoffe”, sagt Zastrau, „dass das ein Auslauf-Modell ist.” - Das bringt auch ihm spontan „Applaus” ein: Von Betroffenen.
Keine Leerlauf-Schleife
Sie werden am 22. Februar ein Stück rund um „Die sieben Todsünden” aufführen, soviel steht fest. Mit dem Premieren-Vorhang fällt nicht die Klappe. Im Gegenteil: Sie werden sich gleichzeitig um ein anschließendes Praktikum bemühen. Die Projektleiter tauschen sich intensiv mit den Arge-Mitarbeitern aus. Geben denen Profile der jungen Menschen an die Hand und zu den Akten. „Das hilft kolossal”, sagt Zastrau - bei der Vermittlung. Denn das Projekt soll keine zusätzliche Leerlauf-Schleife im Tourneeplan der Generation „Maßnahme” werden. Ziel sind Ausbildung und Arbeit - dauerhaft.
Apropos „starkes Team”. Das heißt nicht immer „Frieden, Freude, Eierkuchen”. Draußen tauscht Lässigkeit die Rolle mit Aggression. Manchmal gibt's eben auch im Leben Theater...
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