Im Frühjahr kommt die Wolle runter

Gleich kommt die Wolle ab: Die Wolle, die die Schafe im Winter noch wärmte, wird in den warmen Monaten zur Last für die Tiere.
Gleich kommt die Wolle ab: Die Wolle, die die Schafe im Winter noch wärmte, wird in den warmen Monaten zur Last für die Tiere.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Zu Besuch Friedhelm Schnettler. Der Fleischermeister aus Boele befreit seine Schafe von der Wolle, die sie den Winter über wärmte. Ein gar nicht so leichtes Unterfangen.

Boele.. Friedhelm Schnettler (67) gerät mächtig ins Schwitzen, als er Gismo bei den Hammelbeinen packt. Der stämmige, robuste Schafbock wehrt sich nach Kräften dagegen, auf die Seite geworfen zu werden. Erst als Darko Maksimovic (35) seinem Chef zu Hilfe eilt, muss Gismo schließlich doch alle Viere in die Höhe strecken und, wenn auch mit rasendem Puls, der sich an der Bauchdecke abzeichnet, über sich ergehen lassen, was die beiden Männer mit ihm anstellen. „Puuh, ist das anstrengend“, stöhnt Schnettler: „Allein würde ich Gismo längst nicht mehr bändigen können. Der Bursche weiß nicht wohin mit seiner Kraft.“

Der Fleischermeister aus Boele will dem Schaf keineswegs an die Gurgel. Nein, Gismo, Willi und die beiden namenlosen Schafdamen im Stall am Koller Strötken werden geschoren. Mit einer elektrischen Handschermaschine befreien Schnettler und Maksimovic die Tiere von ihrem Winterkleid. Zwei Kilo Wolle tragen die Schnettler-Schafe nach der dunklen Jahreszeit mit sich herum, jetzt, bei sommerlichen Temperaturen, gehe es ihnen vermutlich so wie einem Menschen im dicken Skipulli, glaubt Schnettler: „Und ich will natürlich, dass sie sich wohl fühlen.“

Wolle ist guter Dünger

Denn er hält die vier Schafe nicht, um sie irgendwann in einen Braten zu verwandeln. Auch mit der Wolle will er kein Geld verdienen, im Gegenteil: „Die vergrabe ich in der Erde, das ist guter Dünger.“ Die Tiere dürfen, sehr zum Vergnügen von Schnettlers fünf Enkeln und anderen Boelerheider Kindern, die regelmäßig zum Stall pilgern und die Schafe mit Möhren füttern, den lieben langen Tag auf der Wiese fressen, dösen oder Strumpf und Socke, die beiden Ziegen, mit denen sie sich den Auslauf teilen, ärgern. „Die Schafe sind doch arg gefräßig“, hat Schnettler erkannt: „Wenn ich nicht aufpasse, fressen sie den Ziegen auch noch das Futter weg.“

Schafscheren ist ein altes Handwerk. In Ländern wie Neuseeland oder Australien, in denen Schafe millionenfach gezüchtet werden, ist es ein eigenständiger Beruf. Während Schnettler und Maksimovic eine gute Viertelstunde pro Tier benötigen, schneiden Profis die Wolle schon mal in einer Minute vom Schafskörper. Eine geregelte Ausbildung gibt es in Deutschland nicht, Friedhelm Schnettler hat das Scheren auf einem Seminar im Münsterland gelernt. Früher hat eine Bekannte die Wolle zu Filzpantoffeln verarbeitet, inzwischen findet er keinen Abnehmer mehr für das geschnittene Fellhaar: „Wenn einer Ihrer Leser Interesse hat, soll er sich bei mir melden.“

Derweil ist es Schafbock Gismo gelungen, auf die Beine zu kommen, das nur scheinbar plumpe, in Wirklichkeit sehr schnelle Tier hat die offene Stalltür erspäht und poltert, sehr zum Ärger der überraschten Schafscherer, nach draußen, verheddert sich im Kabel der Schermaschine und reißt die Schnur mittendurch.

Gismo flüchtet ins Freie

Während Schnettler und Maksimovic ins Freie kommen, glotzt Gismo aus sicherer Entfernung herüber. Denen ist er erstmal entkommen! Aber im nächsten Frühling, wenn sein Fell wieder zu einem zotteligen, warmen Pullover herangewachsen ist, wird die Maschine längst repariert sein. Und dann muss er wieder unter die Schere.