„Ich will zeigen, dass man es schaffen kann“

Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Der Hagener Stefan Tenne liegt im Wachkoma. Seit zwei Jahren. Seine Familie hat um ihn herum einen bewundernswerten Betrieb aufgebaut. Mit zwei großen Zielen.

Hagen-Eppenhausen.. In diesem Satz liegt so viel von dem, was Jacqueline Tenne auf keinen Fall ist und auch nicht sein will. Sie sagt ihn lauter als alle anderen Sätze im Gespräch. Und sie sagt ihn eindringlich. „Hier geht es nicht um Traurigkeit, hier geht es um unseren Weg.“ Eine Begegnung, über die man tief bestürzt sein könnte. Viel wichtiger aber ist ihre unglaublich kraftvolle Botschaft, die im Wohnzimmer der Familie Tenne endlich mal keine Floskel ist: Das Leben geht weiter.

Stefan Tenne soll dabei sein

„Ich habe ein Ziel“, sagt Jaqueline Tenne, Mutter zweier Kinder und Ehefrau eines Mannes, der nur vielleicht mitbekommt, wie seine Familie sozusagen zu einer beispielhaften Firma geworden ist, die der Traurigkeit ihres Schicksals mit Mut, Eifer, Trotz, Hoffnung und hochgekrempelten Ärmeln entgegen tritt. „Ich war zwei Wochen in einem Loch“, sagt Jacqueline Tenne, „dann habe ich mich aufgerafft.“

Sie hätte länger das Recht gehabt, im Loch zu verharren. Denn als sich ihr Mann Stefan am 1. März 2013 gerade einen Kaffee machen will, erleidet er einen doppelten Herzinfarkt. Da war er gerade 47 Jahre alt. 30 Minuten lang wird er reanimiert. Doch derselbe Mann wird er nie wieder sein. Die lange Zeit ohne Sauerstoff sorgt dafür, dass Stefan Tenne seither wach, aber nicht bei Bewusstsein ist. Er ist unfähig zu kommunizieren. Was er wirklich mitbekommt von den Dingen um sich herum, weiß niemand. Vielleicht will er, kann aber nicht sprechen. Vielleicht will er es auch nicht. Ob er bereits erblindet ist, ist von einem Gutachter noch nicht festgestellt worden. Damit er nicht versteift, wird er zweimal am Tag mobilisiert. Bei schönem Wetter geht es für den ehemaligen Programmierer raus in den Garten.

Das ist ein Ausflug.

Ehefrau wird zur Firmenleiterin

Mit Jacqueline Tenne ist damals etwas passiert. Denn der Herzinfarkt ihres Mannes hat aus ihr eine Chefin gemacht. Die Chefin einer kleinen Firma, die sie rund um ihren Mann aufgebaut hat und die sie mit zwei Zielen leitet. Erstens: „Ich will beweisen, dass man einen schwerstpflegebedürftigen Menschen auch daheim betreuen kann.“ Während sie das sagt, piept eines der Geräte am Bett ihres Mannes, das im Wohnzimmer steht. Sie blickt hin­über und winkt ab: „Alles in Ordnung“.

Ihr zweites Ziel ist eines, das für jeden Gesunden eine alltägliche Selbstverständlichkeit ist. Sie will raus. „Ich will nicht mit den Kindern immer allein irgendwo hinfahren müssen. Stefan ist ein Teil unserer Familie. Und als solcher soll er mit uns mitkommen können.“ Einen neuen Wagen, der noch umgebaut werden muss, konnte sich die Familie kaufen, weil die Firma, in der Stefan Tenne gearbeitet hat, dafür Geld gespendet hat.

Stefans Pflege organisiert Jacqueline Tenne wie ein eigenständiger Betrieb mit insgesamt elf Kräften. Gestemmt wird das finanziell vom persönlichen Budget, das eins zu eins in die Personalkosten fließt. „Die Gesetze sind auf die Grundsicherung eines solchen Einzelfalls gar nicht vorbereitet. Und die Beratung, die es gibt, ist absolut mangelhaft.“ Sie hat sich selbst in die Materie eingearbeitet, mittlerweile zu einem besseren Budget-Berater gewechselt und ein Schichtsystem aufgebaut, das rund um ihren Mann funktioniert.

Das Leben geht weiter. Wie schön, dass diese Plattitüde im Haus der Familie Tenne an der ­Eppenhauser Straße wahrhaftig mit Leben gefüllt wird.