„Ich habe mich überlebt“

Prof. Dr. Frank Hillebrandt
Prof. Dr. Frank Hillebrandt
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Was wir bereits wissen
Der Eindruck scheint sich förmlich aufzudrängen: Die Krisen werden immer schlimmer und das Chaos immer größer. Doch Deutschlands Dichter und Denker melden sich im öffentlichen Diskurs kaum zu Wort - oder werden sie einfach nicht gehört?

Hagen.. Der Eindruck scheint sich förmlich aufzudrängen: Die Krisen werden immer schlimmer und das Chaos immer größer. Doch Deutschlands Dichter und Denker melden sich im öffentlichen Diskurs kaum zu Wort - oder werden sie einfach nicht gehört?

Der Hagener Soziologie-Professor Dr. Frank Hillebrandt wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, die Geisteswissenschaftler unseres Landes hätten sich in ihrer Elfenbeintürme zurückgezogen: „Tatsache ist doch, dass die TV-Talkshows einfach viel kaputt machen. Wir werden doch erst gefragt, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist - wenn man uns überhaupt fragt.“

Auf der anderen Seite betont der Dekan der Hagener Fernuniversität, dass entsprechende Vorschläge der Geisteswissenschaftler zur Krisenbewältigung durchaus vorhanden seien, sie müssten eben nur abgefragt werden. Außerdem sei es nun einmal nicht die erste Aufgabe der Wissenschaftler, praktische Lösungsvorschläge anzubieten, sondern vielmehr das geeignete geistige Handwerkszeug zu liefern, mit denen beispielsweise die Politik entsprechende Lösungen initiiert: „Im Grunde genommen sind die Sozial- und Kulturwissenschaften sogar sehr erfolgreich. Das Personal an den Hochschulen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht, wir haben lediglich Probleme, das nötige Forum in der Öffentlichkeit zu finden. Wir sind nun einmal keine Politiker, aber wir hoffen, dass unsere Erkenntnisse auf fruchtbaren Boden fallen. Aber ich weiß, dass wir in Verbänden, politischen Ausschüssen und andernorts sehr wohl gefragt sind.“

Vorhersehbare Analysen

Prof. Dr. Hermann Kurzke, Mainzer Literaturwissenschaftler, ist allerdings weniger optimistisch: „Die Intellektuellen spielen in Deutschland eine erstaunlich geringe Rolle“, meint er. Zudem: „Viele Intellektuelle sind Interessenvertreter. Weiß man, wer sie bezahlt, dann kann man vorhersagen, was sie vorbringen werden.“

Als der renommierte Literaturkritiker Fritz J. Raddatz im vergangenen Jahr 83-jährig aus dem Leben schied, hinterließ er der Nachwelt resigniert: „Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppiert bin, lahmt.“ Und wenige Wochen vor seinem Tod fasste Raddatz all das in vier Worten zusammen:
„Ich habe mich überlebt.“

Es war und ist nicht zuletzt die Kommunikationsrevolution, die mit Internet, Facebook und Co. das öffentliche Leben und damit auch die öffentliche Meinung in ein neues, ein anderes Zeitalter geschleudert hat. Auch die Talkshows sind im Grunde nichts anderes als ein medialer Reflex darauf: Jeder kann zu allem jederzeit irgendetwas beitragen.

Prof. Dr. Herfried Münkler, Lehrstuhlinhaber für theoretische Politik an der Berliner Humboldt-Universität, schreibt in seinem Aufsatz „Die Macht der Ideen“: „Ideen haben Macht, aber sie sind kein Instrument der Machtausübung. Der Streit der Ideen, der die Selbstverständigung einer Zeit über sich selbst begleitet, resultiert daraus, dass da, wo die eine Idee ein Problem mikroskopiert, die andere mit Hilfe des Weitwinkels relativiert.“ Doch weder für Mikroskop noch für Weitwinkel fehlt offenbar in TV-Talkshow die Zeit. Und auch Prof. Hillebrandt beklagt, dass derartig populäre und nicht selten populistische Gesprächsrunden keinen wirklichen Raum bieten würden, wissenschaftlich fundierte Ideen gebührend darzulegen. Dies ist umso bedauerlicher, als Prof. Münkler betont, dass Ideen nicht nur in Gedanken gefasste Gegenwart seien, sondern vor allem „Orientierungen im Feld der Ungewissheit“ sein können und sollen. Sind also die neuen Medien schuld an der Misere der Geisteswissenschaften? Haben sie die Dichter und Denker an den Rand der (Spaß)-Gesellschaft verbannt?

Was werden wir vererben?

Tatsächlich wirft Prof. Dr. Gundolf Freyermuth der intellektuellen Klasse in Deutschland vor, „in analoger Medialität und vordigitalem Denken zu lange verhaftet“ geblieben zu sein. Mit anderen Worten, die vermeintlichen Vordenker haben ihre eigene Gegenwart weitgehend verschlafen. Freyermuth: „Geisteswissenschaftlich geschulte Intellektualität kapitulierte vor einem zentralen Thema digitaler Kultur. Die öffentlichen Intellektuellen entäußerten sich der ,Macht der Kritik’.

Noch einmal Prof. Hermann Kurzke: „Müsste nicht unsere eigene Wertediskussion kämpferischer sein, unsere Wertepflege bewusster? Werte sind ein Erbe - werden wir etwas zu vererben haben?“