„Ich habe die Prozesse rund um Enervie gut organisiert“

Hagen..  Vor einem Jahr haben wir schon einmal ein Interview mit Erik O. Schulz geführt. Kurz nach seiner Wahl und kurz vor der Amtsübernahme, die sich am Dienstag jährt. Ob er Angst hat, wenn ihm nun die damalige Ankündigungen vorgehalten werden? Schulz winkt ab: „Nein, versprochen habe ich ja gar nicht viel. Weder bei Ihnen im Interview noch im Wahlkampf.“

Sie hatten im Interview angekündigt, sich um die Wirtschaftsförderung kümmern zu wollen. Ex-Geschäftsführer Gerhard Schießer hat zwar den Job verloren, aber einen neuen Kopf von außen, der der Hagen-Agentur neuen Schwung geben sollte, ist nicht zu sehen.

Erik O. Schulz: Ich habe in den vergangenen Monaten sehr viel positives Feedback zur Wirtschaftsförderung bekommen. Das geht bis zu der Einschätzung, sie sei einmalig gut in NRW. Ich glaube sehr, dass dazu die Neuaufstellung an der Spitze der Hagen-Agentur beigetragen hat. Die neue Spitze der Wirtschaftsförderung macht ihre Arbeit sehr gut.

Das heißt, dass der als Übergangslösung vorgesehene Geschäftsführer Michael Ellinghaus eine Vertragsverlängerung bekommt?

Das entscheidet nicht die Stadt allein, sondern die Gesellschafter, zu denen ja auch Märkische Bank, Sparkasse und die Wirtschaft gehören. Aber in der Tat ist eine Vertragsverlängerung um fünf Jahre geplant.

Ursprünglich sollte aber jemand von außen neuen Schwung bringen.

Viele haben im Kopf, gute Wirtschaftsförderung existiert dann, wenn von außen eine große Ansiedlung kommt. Aber die Bestandspflege ist mindestens genauso wichtig. Vor allem, wenn man Voraussetzungen wie in Hagen hat. Zum einen bei der finanziellen Ausstattung der Wirtschaftsförderung. Wir können hier den städtischen Zuschuss nicht erhöhen. Gerade deshalb müssen Schwerpunkte gesetzt werden. Zum anderen haben wir leider in Hagen die Situation, dass wir zu wenig verfügbare Gewerbeflächen haben. Die Unternehmen, die wir haben, in Hagen zu halten, ist umso wichtiger.

Die Erschließung des Böhfelds als mögliches neues Gewerbegebiet wird teuer. Wäre es da nicht sinnvoller, endlich gezielt die Brachflächen zunächst zu vermarkten?

Man sollte das Böhfeld und die Brachflächen nicht gegeneinander ausspielen. Wir müssen beides realisieren, denn wir brauchen dringend neue Gewerbeflächen. Nicht überzeugt bin ich von der Idee, Waldflächen für neue Gewerbeflächen in Hagen abzuholzen. Aber das war vielleicht nur ein provokanter Vorstoß von SIHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Peter Rapp-Frick, um Druck zu machen.

Vor einem Jahr haben sie im Interview ebenfalls angekündigt, sich um den Bereich Bauordnung zu kümmern. Weil Sie hier von Bürgern viel Kritik zu den zu langen Genehmigungsverfahren gehört hatten. Aber ist auch etwas geschehen?

Ja, hier sind wir besser geworden. Und zwar erkennbar besser. Wir haben die Bauordnung personell aufgestockt. Vier neue Stellen sind geschaffen worden, und mit Barbara Hammerschmidt ist auch die Fachbereichsleitung neu besetzt worden. Zudem ist festgelegt: Wann immer hier eine Stelle vakant wird, sie umgehend auch wieder extern besetzt wird. Im Baubereich bedarf es oft spezieller Qualifikationen. Da müssen Sie auch von außen besetzen.

Wie messen Sie, dass der Bau-Fachbereich besser geworden ist?

Wir hatten lange Zeit einen Berg von weit über 100 unerledigten Genehmigungsfällen, den wir vor uns her geschoben haben. Neben den Neubesetzungen haben wir bei der Feuerwehr nun personell umorganisiert, um das wichtige Thema vorbeugender Brandschutz bei Genehmigungsverfahren schneller bearbeiten zu können. So ist der Berg schon wesentlich kleiner geworden ist. Und diese schnelle Bearbeitung ist auch ein wesentlicher Teil von Wirtschaftsförderung.

Damit mag das laufende Geschäft besser funktionieren. Aber müssen Sie nicht gerade auch im Baubereich Ressourcen schaffen, um Zukunftsplanung zu betreiben?

Nehmen wir doch mal die Serie Ihrer Zeitung „So wohnt Hagen“. Die haben wir hier in der Verwaltung sehr genau verfolgt. Auch die Probleme, die sie herausgearbeitet haben. Ich habe jetzt in der Folge eine verwaltungsinterne, fachbereichsübergreifende Arbeitsgruppe zum Thema Wohnen eingesetzt. Diese soll zunächst einmal den tatsächlich nicht mehr aktuellen Blick auf die Wohnungsmarktsituation auf den neuesten Stand bringen. Wohnen ist ein Querschnittsthema, das wir mit der Arbeitsgruppe nun auch pushen wollen. Und dass wir auf Ihre Serie reagieren, ist für mich ein Beispiel, wie wir als Verwaltung auch Impulse von außen aufnehmen.

Aber wie viel Kraft und Ressourcen hat die Verwaltung für solche Zukunftsplanung?

Generell ist das ein Riesenproblem. Wir haben in den vergangenen Jahren 450 Stellen ausgeschwitzt. Das machen Sie nicht in erster Linie bei den Pflichtaufgaben, die eine Kommune hat. Da steht die Zukunftsplanung oft im Widerspruch zur Alltagsarbeit. Aber wir müssen über den Tag hinaus denken.

Sie wollten mehr Dialog mit den Bürgern. Was ist daraus geworden?

Hier bei mir im Fachbereich arbeiten drei Kolleginnen daran, wie wir Entscheidungen der Stadtverwaltung den Bürgern besser erklären können. Und ich selbst werde auch noch intensiver auf die Bürger zu gehen. In den Ferien werde ich eine Sommerreise durch Hagen unternehmen, auf der mich die Bürger direkt ansprechen können.

Es gab Bedenken, ob Sie denn für den Job des Verwaltungschefs gewappnet sind. Sie haben vorher mit der Agentur Mark einen 25-Mann/Frau-Betrieb geleitet. Jetzt sind es mehr als 2000 Beschäftigte.

Natürlich ist die Arbeit eine andere. Aber ich habe die gleichen Grundsätze. Ich habe auch hier das Prinzip der wertschätzenden Führung als Ziel. Mein Ansatz war nicht, zu Beginn erst einmal ein paar Köpfe zu rasieren, um zu zeigen, dass ich jetzt der Chef bin. Ich will mit den Menschen, die ich hier vorfinde, bestmöglich arbeiten und sie motivieren.

Bei der Neubesetzung der Jobcenter- Geschäftsführung wird Ihnen dieses Fingerspitzengefühl bei der Personalführung abgesprochen.

Wertschätzende Führung heißt nicht, dass es keine Kritik gibt und keine Konsequenzen gezogen werden. Bei der Jobcenter-Geschäftsführung war es notwendig, nach Kritikgesprächen, die erfolglos geblieben sind, Konsequenzen zu ziehen.

Aber bei dem Versuch der Neubesetzung gab es Ungereimtheiten. Die von der Stadt favorisierte Kandidatin ist Lebensgefährtin des städtischen Personalchefs. Und der war am Auswahlverfahren beteiligt. Sehen Sie Grund zur Selbstkritik?

Der Personalchef hat an keinem Personalgespräch mit den Kandidaten teilgenommen, diese haben die zuständige Beigeordnete Margarita Kaufmann und ich geführt. Das Verfahren war sauber. Aber ich räume ein, dass man sicherlich noch deutlicher hätte machen müssen, dass der Personalchef ab dem Zeitpunkt nicht mehr involviert war, als seine Lebensgefährtin Kandidatin wurde. Da habe ich die Dynamik der Kritik sicherlich nicht vorausgesehen.

Wir haben noch gar nicht über Enervie gesprochen.

Das war tatsächlich das Thema in meinem ersten Amtsjahr, das mich so sehr beschäftigt hat wie kein zweites. Und zwar zeitlich wie auch inhaltlich. Ich habe einmal nachgeschaut: 146 Termine habe ich allein bis zum 31. Mai in Sachen Enervie absolviert. Nicht eingerechnet Rats-oder Ausschusssitzungen, in denen Enervie Thema war. Die Zukunft unseres Energieunternehmens hat mich in solch einem Maße gebunden, wie es nicht bleiben kann. Ich habe als OB noch so viele andere Aufgaben, insbesondere die Leitung der Stadtverwaltung. Da bleiben sonst Sachen liegen, das merkt man auch. Aber: Es gibt Aufgaben, die kommen einfach und dann muss man sie erledigen. Und ich finde, ich habe all die Prozesse rund um Enervie, inklusive des nicht einfachen Wechsels an der Vorstandsspitze, gut organisiert.

Wir könnten stundenlang über Enervie sprechen. Aber zugespitzt in einer Frage: Glauben Sie, dass der Energieversorger die Krise bewältigen kann und überleben wird?

Ich tue jedenfalls alles dafür, um das zu erreichen. Und ich merke auch, dass alle anderen dies tun. Ich schließe dabei ausdrücklich alle Fraktionen im Rat ein, die sich abseits des politischen Streits um die Sache hinter Enervie gestellt haben.

Hat Sie das Amt verändert?

Ich denke, ich habe mich grundsätzlich nicht verändert. Na klar, man hat schon mal einen schlechten Tag. Und der persönliche Akku ist manchmal auch ziemlich leer. Der Tag beginnt um 8.30 Uhr geht meist bis 20 Uhr, manchmal bis Mitternacht. Das Amt beschäftigt einen sieben Tage die Woche. Aber ich trinke auch weiterhin meinen Kaffee auf dem Ebert-Platz, wie ich es in Ihrer Zeitung angekündigt habe. Und ich glaube, ich habe mich auch persönlich nicht verändert. Das alles geht nicht ohne Familie. Ich finde es stark, wie sehr meine Frau und meine Kinder mich unterstützen.