"Ich glaube, ich habe einen erschossen"
23.06.2008 | 17:41 Uhr 2008-06-23T17:41:00+0200
„Das ist das Schlimmste. Egal, was noch passiert in meiner Familie...” Nicole M. krampft ihre Hände um ein Taschentuch. Minuten später sitzt sie im Gerichtssaal dem Mann gegenüber, der ihren Vater mit einer Schrotflinte erschossen hat.
Montag: Auftakt im Prozess gegen den heute 62-jährigen Claus Dieter S. vor dem Hagener Schwurgericht unter Vorsitz von Dr. Frank Schreiber. Vorwurf: Mord.
Am Morgen des 6. Januar 2008 wird die Stille rund um den Kaiser Friedrich-Turm durch einen Schuss zerrissen. Claus Dieter S., Lebensgefährte der Wirtin im benachbarten Ausflugslokal, hat seinen vermeintlichen Nebenbuhler aus dem Weg geräumt - mit einem Schuss aus kurzer Entfernung durch das Auge in den Kopf. Brigitte M. steht unter Schock; S. lässt sich widerstandslos festnehmen. Vorausgegangen, so die Ermittlungen, war ein Abend voller heftiger Streitigkeiten - die Beziehung zwischen Brigitte M. und Claus Dieter S. wird als gewalttätig beschrieben. „Du bleibst jetzt nicht hier” - darauf hatte laut Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer schon der Koch im Lokal gedrungen. Peter M., Freund oder Bekannter von Brigitte M., hatte die Frau letztlich mitgenommen und damit, makaber, aus der Schusslinie geholt. Morgens war der 56-Jährige mit M. in das Lokal zurück gekehrt. Hier wartete S., die Waffe scheinbar schon griffbereit.
Um 7.40 Uhr war die Polizei alarmiert worden - die Einsatzkräfte saßen Montag im Zeugenstand. Immer wieder erlebt Nicole M. deren Schilderung vom Tatort, hält sich bei den blutigen Details die Ohren zu. Durchdringend starrt sie auf den bleichen, hohläugigen Angeklagten, in ihren Augen wechseln Hass, Erschöpfung, Schmerz, Entsetzen. Mit ihr sitzen Bruder und Schwester des Opfers auf der Nebenkläger-Seite. Jeden Tag, sagt die Schwester, Erika R., denke sie an diesen Tag. „Mein Bruder wollte ihr nur helfen. Sie da rausholen. Und dann gerät er in sowas...”
Im Gerichtssaal: S. vermeidet den Blickkontakt zu den Angehörigen, fliegt nur einmal, fast ängstlich, über die Gesichter im Zuschauerraum. Angespannt verfolgt er die Aussagen der Polizisten, fast so, als höre er das alles zum ersten Mal. Er selbst schweigt, während sich die Puzzleteilchen zu einem ersten Bild fügen. S. hatte getrunken - nach seiner Festnahme zeigte das Alco-Gerät 1,1 Promille an. Zwei Waffen des Jägers - eine davon die Bockdoppelflinte, aus der der tödliche Schuss abgefeuert worden war - standen an zwei verschiedenen Stellen im Durchgang hinter dem Schankraum, offen angelehnt. S. lebte mit M. im ersten Stock über der Gaststätte in getrennten Schlafzimmern.
„Ich weiß nur, dass ich einen erschossen habe. Ich glaube, das war der Dachdecker. Es ist alles weg. Fragen Sie Frau M.”. Viel mehr sagt S. auch in der Vernehmung nicht. Aus der Untersuchungshaft schreibt er seiner früheren Lebensgefährtin einen Brief: „Guten Morgen, Maus. Wir haben beide Fehler gemacht, warum musste es so eskalieren? (...) Mein Schatz, ich hoffe, Du lässt mich jetzt nicht allein. (...) Wie hast Du diese Katastrophe weggesteckt? (...) Was machen unsere Welpen? (...)”
Brigitte M. ist zum nächsten Prozesstag, 8. Juli, geladen. Angesetzt sind vier weitere Verhandlungstage.