Heimatvertriebene prägten den Spielbrink

Die Mehrfamilienhäuser an der Büddingstraße auf dem Spielbrink.
Die Mehrfamilienhäuser an der Büddingstraße auf dem Spielbrink.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Dieter Friedhoff erinnert sich noch genau, wie einst in den Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren am Spielbrink die Flüchtlinge und Vertriebenen eine neue Heimat fanden.

Hagen/Haspe.. Noch bestimmen die Handwerker den Rhythmus in der ehemaligen Grundschule Kückelhausen an der Bebelstraße. Doch bereits in wenigen Wochen sollen dort etwa 80 Flüchtlinge ein sicheres Zuhause finden. Niemand weiß bislang, woher sie kommen, niemand kennt ihre Schicksale, niemand ahnt, was sie in den vergangenen Monaten erlebt, gesehen oder gar erlitten haben. Nur die Vorbehalte der Nachbarn sind schon da. Ängste, Skepsis und Gerüchte dominieren – gerne hinter vorgehaltener Hand –, während die Politik penetrant Willkommenskultur einfordert.

„Ich kann das nicht nachvollziehen“, wundert sich Dieter Friedhoff. Der 72-jährige Rentner erinnert sich noch genau, wie einst in den Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren am Spielbrink die Flüchtlinge und Vertriebenen eine neue Heimat fanden. „Ein Dach über dem Kopf – das ist doch das Mindeste, was wir diesen Menschen anbieten können. Die ganzen Vorurteile sind doch nur selten haltbar und meist durch nichts zu belegen. Ich habe es erlebt.“

Häuser an Büddingstraße

Rasend schnell waren Ende der 50er-Jahre die Häuser entlang der Büddingstraße aus dem Boden geschossen. Für das Heer an Flüchtlingen und Heimatvertriebenen aus den einstigen deutschen Ostgebieten, das unablässig nach Hagen strömte, musste dringend Wohnraum geschaffen werden. Der Spielbrink, damals noch weitgehend Grünland, bot sich seinerzeit in den Augen der Gemeinnützigen Wohnstätten-Genossenschaft(GWG) als ideales Gelände an, um auf den Hasper Höhen ein neues Quartier zu entwickeln. Zwischen der heutigen Zufahrt zum Büdding-Friedhof und der Lioba-Kapelle entstanden die ersten Wohnblocks für jene Familien, die ihrer Heimat in Schlesien, Ostpreußen und Pommern den Rücken kehren mussten.

„Wir waren damals die ersten Hasper hier im Haus“, erinnert sich Dieter Friedhoff an das Jahr 1964, als der damals jung verheiratete Luftwaffen-Soldat mit seiner Frau Monika in jene Wohnung zog, der die Eheleute bis heute über mehr als ein halbes Jahrhundert die Treue gehalten haben. Das Geld reichte damals gerade für eine Küche und das Schlafzimmer – den Kohlenofen stellte die GWG.

Gekocht wurde im Bad

Der ehemalige städtische Bedienstete, der heute sein Rentner-Dasein genießt und sich als Vorsitzender des TSV Berge-Westerbauer und Frontmann der IG Hasper Sport engagiert, erinnert sich noch genau an jene beengten Wohnverhältnisse, die damals in dem Haus herrschten: „Drei Familien – also mindestens zehn Personen – lebten vor uns in der 70-Quadratmeter-Wohnung. Eine im Wohnzimmer, eine im Schlafzimmer, eine im Kinderzimmer. Zwei Familien teilten sich noch die Küche, die dritte kochte im Bad. Dazu gab es eine Toi­lette für alle, geduscht wurde im Keller.“

Friedhoffs waren – bevor später zwei Kinder folgten – zunächst die einzigen im Haus, die sich eine solche Wohnung zu zweit teilten. Vitamin B beim städtischen Amt für Wohnungswesen hatte ihnen die Tür geöffnet. „Natürlich wurden wir von den Nachbarn zunächst komisch angeguckt und als hochnäsig wahrgenommen.“ Der direkte Kontakt war zunächst bescheiden. „Die sprachen anders deutsch, und das auch noch mit unterschiedlichen Akzenten.“

Im Hasper Arbeitsleben integriert

Aber diese Reserviertheit will er niemandem verdenken, in dessen Schicksal und Erleben er sich als junger Mann, der am Distelstück ebenfalls in beengten Verhältnissen aufgewachsen war, kaum hineindenken konnte. Doch die ersten Vorbehalte wichen schnell einem gut nachbarschaftlichen Miteinander. „Vor allem bei Familienfeiern, zu denen man damals noch die ganzen Mitbewohner einlud, fielen die Barrieren in den Köpfen.“

Zumal die Vertriebenen sich auch schnell im Hasper Arbeitsleben integrierten. Neben der Hütte waren die Stahlwerke Südwestfalen, Wittmann, die Baubranche oder auch die Straßenbahn bevorzugte Arbeitgeber, die Zuwanderern eine berufliche Chance eröffneten. „Natürlich weckte das auch Neidgefühle“, erinnert sich Dieter Friedhoff und entdeckt prompt Parallelen zur heutigen Zeit: „Die Vertriebenen waren oft leistungsfähige Arbeitskräfte, die in gute, begehrte Positionen nachrückten. Und auch die Wohnungen für die Zuwanderer waren oft besser als jene der sozial schwachen Hasper Familien.“ Zumal am Spielbrink entlang der Salzburger und Wiener Straße sowie an der Spielbrinkstraße weitere Wohnkomplexe entstanden, in die vorzugsweise jene Menschen einzogen, die zuvor noch eng zusammengepfercht an der Büddingstraße gelebt hatten. Entwicklungen, in denen auch schon in den 60er-Jahren sozialer Sprengstoff schlummerte.

Keine Ghettoisierung

„Später kamen auch noch die Italiener und Türken hinzu“, spinnt Friedhoff den Faden weiter, „doch eine Ghettoisierung hat die GWG nie zugelassen.“ Im Gegenteil, mit den Menschen entwickelte sich die Infrastruktur: Einkaufsmöglichkeiten, Busverbindungen, Gaststätten und die Schule entstanden. „Der Wohnkultur am Spielbrink hat das nicht geschadet.“ Geblieben ist davon freilich wenig – Kindergärten gibt es noch. Und den Bus, der den Kontakt zum Hasper Zentrum schafft.

Friedhoff wirbt dafür, den Flüchtlingen des 21. Jahrhunderts, die derzeit nach Europa drängen, nicht gleich mit Ressentiments zu begegnen. „Sie können eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sein“, setzt er als Vereinsfunktionär natürlich auf die integrative Kraft des Sports, der Brücken ohne Sprachkenntnisse schaffen könne. Zuwanderer seien darüber hinaus aber auch eine gesellschaftliche Bereicherung, auf die es lohne, sich einzulassen. Sein lebenserfahrener Appell: „Schärft euren Blick für Neues.“