Hagens Stimme ist 17 Jahre jung
22.05.2012 | 21:15 Uhr 2012-05-22T21:15:00+0200
Hagen. Trotz Nachwuchssorgen der Vereine: Hagen schickt eine talentierte junge Sängerin in den Metropolen Chor zum „Day of Song“.
Alle tun es, obwohl es kaum einer kann: Singen . Im Auto, oder unter der Dusche. Heimlich trällern, schmettern oder auch flüstern sie den Schlager mit. Einfach so. Den Rocksong aus der eigenen Sturm- und Drangzeit, dessen Text man nie, nie vergisst. Den peinlichen Popsong, den die erste Liebschaft so gerne hörte. Warum bloß klagen die Chöre der Stadt über Nachwuchssorgen?
Silvia Hildebrand ist eine, die es wissen muss. Schließlich ist sie schon seit 37 Jahren beim Hasper Kinder- und Jugendchor; Eingeweihten seit einiger Zeit auch unter dem gequält modern klingenden Wortkonstrukt „Chorios“ bekannt, die Frisierstuben („Haar-Scharf“) dieser Welt lassen grüßen. Sei’s drum, bei „Chorios“ geht es schließlich um das Singen und nicht um Grammatik.
"Wo sollen wir sonst noch hin"?
Hildebrand ist im Alter von 45 Jahren immer noch im Kinder- und Jugendchor (erste Vorsitzende seit 12 Jahren), und sie ist nicht die einzige, fünf Frauen mit ähnlich viel Erfahrung im Singen sind Mitglied bei „Chorios“. „Wir haben alle dasselbe Problem“, skizziert Hildebrand: „Wo sollen wir sonst hin? Wir finden nichts.“
Natürlich gibt es andere Chöre in Hagen als den Hasper Kinder- und Jugendchor, natürlich auch für Menschen, die ihre Jugend schon hinter sich gelassen haben. Aber bei einer Vielzahl von Chören liegt das Durchschnittsalter eben zu hoch für Silvia Hildebrand. Ein Chor ist eben mehr als nur eine organisierte Gruppe von Menschen, die gerne laut singen und dabei den Ton treffen. Es ist eine soziale Gemeinschaft. Wer kann wen auf dem Weg zur Probe mitnehmen? Springt auch auf dem Parkplatz der Funke über, beim Schwatz in der Pause? Wenn jemand wie Silvia Hildebrand in einen Chor eintreten würde, bei dem die meisten Mitglieder fast doppelt so alt wie sie sind, dann stimmt die Chemie nicht mehr.
Der Kinderchor brummt
Anders ist das bei „Chorios“. „Der Kinderchor brummt“, sagt Silvia Hildebrand. Doch wenn aus Kindern Leute werden, dann ist der Chor auf einmal nicht mehr so angesagt. „Im Alter zwischen 12 und 16 wird’s vielen peinlich“, sagt Hildebrand. Der erste Freund, die erste Freundin, die nicht singt:
Mit der Mitgliedschaft in einem Verein kann man kaum „Gefällt mir“-Punkte bei Facebook sammeln. Und wenn’s dann noch ein Chor ist, wird es offenbar noch schwieriger. „Die Eltern stehen da auch nicht immer so dahinter“, sagt Hildebrand, „wenn es zum Beispiel darum geht, dass Kinder ihren inneren Schweinehund überwinden.“ Den Effekt dürfte jeder vom Sport kennen: Hingehen ist Quälerei, doch sobald man angefangen hat, macht’s auch Spaß.
Was Lunge und Stimmritze halten
Silvia Hildebrands Tochter Carolin ist genau deshalb dabei geblieben. Seit sie auf der Welt ist, gehört sie zu „Chorios“, der damals noch nicht so hieß. Das Trainieren und Üben zahlt sich schon jetzt für die 17-jährige Gymnasiastin aus. Sie ist Hagens Stimme bei der Neuauflage des „!Sing Day of Song“ am Samstag, 2. Juni. Beim ersten „Day of Song“ im Jahr 2010 gaben Zehntausende Menschen im ganzen Ruhrgebiet, was Lunge und Stimmritze nur so hielten. Einfach so.
Carolin Hildebrand hat im Juni keine kleine Rolle. Sie singt mit 52 anderen Sängern aus Städten des Großraums Ruhrgebiet im Metropolen Chor am 1. und 2. Juni jeweils um 22 Uhr im Gasometer in Oberhausen . Auch Carolin singt außerhalb des Chores, einfach mal so. Allerdings eher nicht vor Freunden. „Denen sage ich dann, dass sie mal darauf achten sollen: manchmal fange ich ja einfach so an zu singen.“
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