Hagener Tänzer zwischen Luftgitarre und Klammerblues

Szene aus dem neuen Hagener Tanztheater-Abend „Ballett? Rock It!“ .
Szene aus dem neuen Hagener Tanztheater-Abend „Ballett? Rock It!“ .
Foto: Theater Hagen / Klaus Lefebvre
Was wir bereits wissen
Das Ballett Hagen  vertanzt mit „Rock it!“ die großen Mythen der  Musikgeschichte.  Lachen ist erlaubt. Und das  Publikum ruft begeistert Bravo.

Hagen.. Mythen gehören zur Geschichte der Rockmusik wie jaulende E-Gitarren, kreischende Fans, Drogen und demolierte Hotelzimmer. Doch hinter den Legenden verbergen sich tiefe Sehnsüchte und verletzte Seelen. Diesen Widersprüchen spürt die Hagener Tanzcompagnie jetzt in der Produktion „Ballett? Rock it“ mit drei hervorragenden Choreographien und einem außerordentlich engagierten Ensemble nach. Das begeisterte Publikum applaudiert sofort im Stehen, kaum dass der Vorhang gefallen ist.

Wenn Ballett auf Musik trifft, muss der Choreograph musikalische Strukturen in Bewegung übersetzen. Deshalb ist das Vertanzen von Klassik so populär, weil hier etwas sichtbar gemacht wird, das man ansonsten bestenfalls hört. Rock hingegen ist immanent an Bewegung gekoppelt. Vielleicht wird er deshalb so selten im Ballett eingesetzt. Dass sich in dieser Verbindung allerdings ein enormes Potenzial verbirgt, beweist der Hagener Ballettdirektor Ricardo Fernando mit „Rock it!“, indem er Choreographen mit internationaler Handschrift ans Theater Hagen einlädt. Damit landet Fernando nicht nur einen Volltreffer, sondern trifft ein Bedürfnis, denn das Publikum stürmt die Theaterkasse.

Eine Hommage an die Legenden, die früh starben

Fernando selbst steuert das Stück „Club 27“ zu der Trilogie bei, als Hommage an all die jungen Musiker, Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse, die im tragischen Alter von 27 Jahren starben. Der Hagener Ballettdirektor lässt sein Ensemble auf dem hauchfeinen Grat zwischen Ekstase und Selbstzerstörung tanzen. So stehen leise, hochemotionale Szenen neben aggressiven und sehnsüchtigen, und immer wieder treten Solisten aus der Gruppe heraus, um ihre Schicksale öffentlich zu machen. So wie Ana Rocha Nené und Brendon Feeney, die sich zu „Tears Dry on Their Own“ einen virtuosen Klammerblues liefern. Fernando nimmt Anleihen beim Discotanz ebenso wie bei archaischen Kampffiguren und verschmilzt diese Elemente zu betörenden Bildern.

Der britische Choreograph James Wilton untersucht in „Drift“ die Magie von Anziehung und Abstoßung zu „Eraser“ von Nine Inch Nails. Tiana Lara Hogan und Brendon Feeney werden in diesem Duett von ihrer gegenseitigen Gravitation gleichsam auf dem Boden festgehalten, umkreisen einander in kunstvollen Schleifen, nähern sich und stoßen einander wieder ab wie zwei einsame Planeten, die Verschmelzung suchen und trotzdem die Gesetze der Fliehkraft nicht überwinden können.

Lachen ist erlaubt

„Heroes - H“ der irischen Choreographin Marguerite Donlon ist echtes Tanz-Theater mit vielen humoristischen Einschlägen. Aber dahinter steckt mehr: Die Geschichte von fünf jungen Helden offenbart Isolation und Mut. Am Anfang sind die Solisten Gefangene ihrer Kopfhörer, können nur ihre eigene Musik hören, die David Bowie liefert, drehen sich im Kreis ihres privaten Universums voller Ängste und Repressionen. Und doch schaffen sie es, auszubrechen und mit der Welt in Kommunikation zu treten.

Wie ein kleiner Komet rast Eunji Yang immer wieder über die Szene, spielt Luftgitarre und Luftschlagzeug, trotzig, temperamentvoll, unbesiegbar, und Bobby Briscoe berichtet mit Dreadlocks-Perücke von den demütigenden Qualen der Selbsterkenntnis.

Das berührendste dieser Helden-Abenteuer schreibt aber das Leben selbst. Shinsaku Hashiguchi erzählt, wie er gegen alle Widerstände (ein Junge sollte besser Fußball spielen) seinen Traum vom Tanzen realisiert hat. Und wie er dann im Alter von 30 Jahren, wenn für viele Kollegen die Karriere schon vorbei ist, sein erstes Engagement erhalten hat. Am Theater Hagen.

Karten und Termine: www.theaterhagen.de