Hagener Philharmoniker erinnern an Jon Lord

Jon Lord: Der Rocker am Klavier spielt im Februar mit den Hagener Philharmonikern sein Concerto for Group & Orchestra in der Grugahalle Essen.
Jon Lord: Der Rocker am Klavier spielt im Februar mit den Hagener Philharmonikern sein Concerto for Group & Orchestra in der Grugahalle Essen.
Foto: Armin Thiemer
Jon Lord hat Rockgeschichte geschrieben und bleibende Werke für den Konzertsaal. Die Hagener Philharmoniker erinnern an ihren berühmten Freund.

Hagen.. Der britische Hardrocker Jon Lord (1941 - 2012) war dem Philharmonischen Orchester Hagen in enger Freundschaft verbunden. Diese Beziehung reicht über Lords Tod hinaus, denn in Erinnerung an ihren ehemaligen „Komponisten für Hagen“ spielen die Philharmoniker am 19. Mai die deutsche Erstaufführung seines „Durham Concerto“. Der Dirigent Paul Mann ist der musikalische Nachlassverwalter des Deep-Purple-Keyborders. Er dirigiert den „Tri­bute to Jon Lord“ und spricht im Interview über das musikalische Vermächtnis des wegbereitenden Musikers.

„Smoke on the Water“ und „Durham Concerto“: Welche Unterschiede gibt es zwischen Rock und Klassik in der Musik von Jon Lord?

Paul Mann: Gar keine. Für Jon war das alles Musik, unabhängig vom Etikett, und er hat nur zwischen guter und schlechter Musik unterschieden, nicht zwischen E-Gitarren und Geigen. Jon war ein allumfassend wissbegieriger Charakter, wir haben früher ganze Stunden in Buchhandlungen und Plattenläden verbracht, denn er wollte so viel Musik kennenlernen, wie er nur konnte.

Jon Lord gilt als Pionier der Verbindung von Rock und Klassik. Wie lässt sich sein Stil beschreiben?

Mann: Seine Orchesterkompositionen sind eindringlich und konzentriert geschrieben. Er hatte viele ­musikalische Vorbilder, Joseph Haydn zum Beispiel liebte er sehr und natürlich die britischen Komponisten Edward Elgar und Ralph Vaughan Williams. Seine Werke haben einen ausgeprägten Personalstil. Lords Melodik ist oft melancholisch und lyrisch, aber seine Stücke sind gleichzeitig intensiv vom Rhythmus her gedacht. Das ist vielleicht die auffälligste ­Verbindung zu seiner Zeit als Rockmusiker.

Jon Lord hat die Hammond-Orgel berühmt gemacht, und im „Durham Concerto“ wird sie solistisch eingesetzt. Welche Soloinstrumente gibt es noch in der Komposition?

Mann: Northumbrian Pipes, das ist eine Art Dudelsack. Mit Kathryn Tickell tritt in Hagen genau die Solistin auf, für die Jon Lord diesen Solopart komponierte. Das „Durham Concerto“ hat die University of Durham im Nordosten Englands bei Jon in Auftrag gegeben. Für mich ist das Sinfoniekonzert in Hagen daher ein zweifaches persönliches Herzensanliegen. Ich bin dankbar, dass ich als Freund von Jon die deutsche Erstaufführung dirigieren darf, und das Werk ergreift mich sehr, weil ich in der Nähe von Durham geboren wurde.

In der Spielzeit 2011 /2012 war Jon Lord Komponist für Hagen. Er hat über viele Jahre hinweg zahlreiche Konzerte mit den Philharmonikern gegeben. Was hat ihm die Zusammenarbeit bedeutet?

Mann: Er war tief bewegt über diese Ernennung. Das war eine Art von Anerkennung, für die er nach den Deep-Purple-Jahren lange gekämpft hat. Und ich habe bei den Proben gemerkt, dass vielen Hagener Musikern seine Persönlichkeit noch nahe ist. Jon wird sehr vermisst. Er hatte die Gabe, Menschen wirklich zu berühren, weil an ihm nichts Künstliches und Aufgesetztes war. Selbst wenn er nur zwei Minuten mit einem Fan oder einem Musiker sprach, gab er ihm das Gefühl, der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein. Das hat man nicht oft bei Persönlichkeiten, die so im Rampenlicht stehen. INFO

Die Frage nach Rock oder Klassik spricht auch ein Problem an, das viele Orchester heute haben, wenn sie zeitgenössische Kompositionen spielen. Dann bleibt das Publikum oft weg.

Mann: Man muss sich tatsächlich fragen, was Musik soll, die vom Orchester gehasst wird, vom Publikum gehasst wird und vom Dirigenten gehasst wird. Warum sollen wir diese Musik spielen? Persönlich bin ich übrigens überzeugt, dass es derzeit keinen lebenden klassischen Komponisten gibt, der so innovativ ist wie Björk. Wenn mehr Komponisten Björks Begabung hätten und ihre Fähigkeit, Leute zu begeistern, hätte die neue Musik einen besseren Stand. Und Jon Lord hat überhaupt nicht in diesen Kategorien gedacht. Er wollte mit seiner Musik die Menschen bewegen. Er sagte immer: Rock und Klassik verwenden dieselben Noten. Beide versuchen, Emotionen zu erzeugen und Freude zu geben.

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