Griechen zur Griechen-Krise: „Es wird schwer, es wird nicht besser“

Foto:  Alexandros Vlachos
Was wir bereits wissen
Griechenland düpiert die Euro-Gruppe, steht kurz vor dem Austritt aus dem Euro. Das sagen in Südwestfalen lebende Griechen zur Regierung Tsipras.

Südwestfalen.. Stelios Mavromatis blickt mit Sorge auf seine alte Heimat Griechenland. „Es wird schwer, und es wird nicht besser“, kommentiert der Briloner die Blockade-Politik der neuen griechischen Regierung gegenüber der Euro-Gruppe. „Der ist doch viel zu jung“, beschreibt er den griechischen Finanzminister Varoufakis.

Seit 1963 arbeitet und lebt Mavromatis in Brilon, heute ist er Rentner. Das griechische Wirtschaftssystem funktioniere völlig anders als das deutsche, benennt er die Ursache der Staatspleite. „In Griechenland läuft alles über Beziehungen und Bestechungen - und alles schwarz. Da kommt kein Geld beim Finanzamt an, und es geht nicht vorwärts.“ In den Krankenhäusern müssten die Patienten inzwischen sogar ihr eigenes Toilettenpapier mitbringen. Die jüngste Tochter und die Geschwister des 76-Jährigen wohnen auf der Insel Samos, von der Mavromatis seinerzeit mit 24 Jahren den Schritt in Richtung Deutschland wagte. Vor dem Ausstieg aus dem Euro hat der griechische Teil der Familie Angst, weiß er. „Mit der Drachme würde alles noch schlimmer. Die hat doch keinen Wert.“ Volle 43 Jahre hat Mavromatis bis zum Ruhestand in Brilon gearbeitet. „Griechenland ist ein schönes Land, aber ich möchte dort nicht mehr bleiben.“

Woher soll das Geld denn kommen?

Für Dimitrios Kavanozis (60) „war klar, dass so etwas passieren wird“. Der 60-Jährige, der als Kellner in Bad Berleburg arbeitet, glaubt, dass Finanzminister Varoufakis „bis zur allerletzten Minute“ pokern werde, um anschließend im letzten Moment noch einzuknicken. Die griechische Regierung wolle nämlich „auf jeden Fall“ in der Europäischen Union und im Euro bleiben. „Woher soll denn sonst das Geld kommen? Von China oder Russland? Ganz bestimmt nicht,“ sagt Kavanozis.

Vasileia Chatzistrati ist Griechin, studiert Soziologie und macht im Moment ein Auslandssemester an der Universität Siegen. Seit sie 14 Jahre alt ist, hat sie neben Schule und später Studium gearbeitet: Ein 224 Euro-Job als Kassiererin. Ferienjobs, bei denen sie von 8 Uhr an bis spät in die Nacht arbeiten musste, ohne dass Überstunden bezahlt wurden. Erfahrungen wie diese sind längst Alltag für die heute 21-Jährige. Gerade deshalb ärgert sie sich über das Bild von Griechen, das Medien verbreiten würden. „Ich höre oft, wir wären einfach faul.“

Von Rettungsschirmen hält sie nichts. „Das Geld bekommen die Banken. Bei den Menschen kommt nichts an.“ Seit Europa sich zunehmend in die griechische Politik einmische, werde die Lage schlimmer - immer größer werdende Armut, steigende Selbstmordrate. Den neu gewählten Ministerpräsidenten Tsipras hält Vasileia Chatzistrati für das beste, was Griechenland passieren konnte: „Er ist der erste, der sein Wort hält und versucht, seine Versprechen nach der Wahl einzulösen.“

Die neue Regierung pokert hoch - zu hoch?

Eleni Dimou-Dewenter aus Hagen-Hohenlimburg beobachtet die Regierung mit Misstrauen. „Es wirkt auf mich so, als ob man die aktuelle Lage missbraucht, um ein Volk vorzuführen.“ Die angestrebten Ziele und das Versprechen, diese zu erreichen, so die 39-Jährige, „sind angesichts hoher Arbeitslosigkeit, weit verbreiteter Armut und Hoffnungslosigkeit illusionär“.

Für den Gastronomen Thomas Bakaras aus Meschede stirbt die Hoffnung zuletzt. „Wenn jetzt nichts passiert, wann dann?“ Die neue Regierung sei in der Pflicht, alles zu versuchen, um eine Katastrophe abzuwenden. „Sie pokert und hofft auf einen Schuldenschnitt. Und Griechenland fängt wieder bei Null an. Ob das gelingt?“

480 Euro Rente nach 35 Jahren

Timo Rizos stammt aus Trikala, ist seit 1991 mit Unterbrechungen in Deutschland und arbeitet jetzt im Restaurant Athen in Winterberg. Den Wahlsieg von Alexis Tsipras und seiner Partei Syriza sieht der 42-Jährige positiv, weil die alte Regierung Griechenland durch Korruption an den Abgrund gewirtschaftet habe. Statt Darlehen hält er jedoch Investitionen in Griechenland für sinnvoller, damit die Griechen aus eigener Kraft wieder auf die Beine kämen. Das Leben in seiner Heimat sei durch den harten Sparkurs vor allem in den Großstädten sehr schwer, sein Vater bekomme nach 35 Jahren Arbeit nun eine Rente von 480 Euro, die kaum zum Leben reiche. „Tsipras hat uns Griechen unseren Stolz zurückgegeben. Aber ich kann auch die Sorgen der Deutschen verstehen, schließlich ist dies das Land, in dem ich lebe und mein Geld verdiene.“ Einen Ausstieg aus dem Euro lehnt Rizos ab: „Das sollte Griechenland nicht tun, sonst zieht es womöglich Italien und Portugal wie eine Kette mit.“

Regierung setzt auf Illusionen

Dimitrios Demos spricht mit Akzent – aber mit bayrischem. Er wurde in Augsburg geboren und wohnt jetzt mit seiner Familie in Medebach. Auch er begrüßt den griechischen Regierungswechsel, sieht die Forderungen von Ministerpräsident Tsipras und Finanzminister Varoufakis nach einem Schuldenerlass jedoch kritisch. Einen gemäßigteren Sparkurs, der es den Griechen ermögliche, die Schulden aus eigener Kraft zurückzuzahlen, hält er für angebrachter. Demos persönlich hat die Lebensumstände in Griechenland entspannter erlebt, als es oft in den Medien dargestellt werde. „Die alte Regierung hat sich 40 Jahre lang in die eigene Tasche gewirtschaftet, hoffentlich kann die neue Regierung ihre Versprechen halten. Die Rückkehr zur Drachme halte ich für nicht richtig“, beurteilt er die Verhandlungen in Brüssel.