"Gefühle sind ernst genommen worden"

Hagen.. Der Artikel über die Himmelsbotschaft hat viele Menschen bewegt. Die Hagener Diplom-Psychologin Jana Schneider (29) ordnet das Phänomen im Interview ein.

Warum bewegt der Brief offensichtlich so viele Menschen, obwohl doch fast keiner die Oma oder den Jungen kennt?

Jana Schneider: Zum einen denke ich, weil vermutlich die eigenen Wünsche und Sehnsüchte vieler Menschen mit dem Brief angesprochen werden. Die Verfasserin des Briefes meldet sich, ohne irgendeinen Vorteil daraus zu erlangen. Zudem gibt er oder sie sich besonders viel Mühe und schreibt sehr emotional. Die Kombination von beidem hat etwas sehr Ehrliches und Sympathisches für den Leser. Zum Anderen denke ich, dass sowohl das Thema Tod, als auch Kinder bei uns viele Emotionen auslösen. Ich denke, dass viele Menschen sich nach solch altruistischem Verhalten sehnen und dass sich vielleicht mehr Menschen wünschen, dass man mit wenigen Worten etwas Zeit für jemand anderen, so vielen Menschen eine Freude machen oder diese bewegen kann.

Über soziale Netzwerke findet eine solche Geschichte eine große Verbreitung, es gibt viele „Likes“: Teilen Menschen gerne ihre Empfindungen zu solch einem Artikel mit anderen Menschen? Sind das in der Regel echte Empfindungen oder folgt man nur dem „Hype“?

Schneider: Ich denke, dass es eine Mischung aus Beidem ist. Es gibt bestimmt Menschen, die wie bei einem Schneeballeffekt auf den Zug mit aufspringen werden, ohne sich viele Gedanken darüber zu machen, aber es wird eben viele geben, die sich emotional angesprochen fühlen, die sich vielleicht selbst manchmal mehr Ehrlichkeit und Zuwendung wünschen. Und was besonders wichtig scheint: das Ernstnehmen von Gefühlen. Die Verfasserin des Briefes nimmt die Trauer des Jungen ernst. Oftmals werden Gefühle vieler gar nicht wirklich ernst genommen, sondern es wird vorschnell darüber geurteilt. Wie jedoch andere Menschen in bestimmten Situationen fühlen, können meist nur sie selbst wissen.

Zudem verbinden Emotionen. Überall, wo Sie Emotionen für oder gegen etwas finden, finden Sie meist auch eine starke Verbundenheit unter den Menschen, sei es zum Beispiel beim Sport, in der Politik oder in der Kirche.

Die Verfasserin des Briefes hat sich noch nicht gemeldet. Was könnte die Verfasserin eines solchen Briefes antreiben, sich nicht zu offenbaren?

Schneider: Da bleibt mir nun auch nichts mehr übrig als zu spekulieren. Ich könnte mir vorstellen, dass die Verfasserin der Situation nicht den „Zauber“ nehmen möchte. Vielleicht hat sie selbst aber auch eine Vermutung, warum gerade so viele Menschen auf den Brief so reagieren. Es geht bei dem Ganzen um die Trauer des Jungen, um seine Oma und nicht um den Verfasser des Briefes. Vielleicht möchte die Verfasserin es dabei belassen und dadurch nicht selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Eben so, wie es sich viele Menschen vielleicht wünschen, dass es noch mehr Menschen der Sorte „unbekannte Verfasserin“ gäbe.