Für Fidschi-Inseln hat der Ex-Feuerwehr-Chef noch keine Zeit

Horst Wisotzki, der 1. Vorsitzende der SG Blau Weiss Haspe, ist gern Bürgermeister.
Horst Wisotzki, der 1. Vorsitzende der SG Blau Weiss Haspe, ist gern Bürgermeister.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Knapp 41 Jahre agierte Horst Wisotzki in Hagen als Feuerwehrmann, zuletzt als Chef über 800 Beamte und Freiwillige. Wir haben mit ihm gesprochen – über den Wahlkampf, seine Krankheit, seine Familie.

Hagen.. „Leben ist live – es kommt meist anders als man denkt.“ Der Satz klingt zunächst wie eine banale Smalltalk-Plattitüde. Doch wenn er von einem Menschen ausgesprochen wird, der schon einmal tot war, stimmt diese Aussage durchaus nachdenklich. Knapp 41 Jahre agierte Horst Wisotzki in Hagen als Feuerwehrmann, zuletzt als Chef über 800 Beamte und Freiwillige. Bewegte Jahre oft am Rande der körperlichen und psychischen Belastungsgrenze. Doch 2014 war noch drüber: Es entwickelt sich für den bodenständigen Hasper zu einer Grenzerfahrung auf der Überholspur des Lebens.

Innerfamiliäre Abwägung

Vor einem Jahr erhält der gebürtige Vorhaller von SPD-Parteichef Timo Schisanowski „ein Angebot, über das ich noch nie nachgedacht hatte“. Der Obergenosse dient dem Pensionär die Oberbürgermeister-Kandidatur für die Hagener Sozialdemokraten an. Auslöser für einen zähen, innerfamiliären Abwägungsprozess. Weder Ehefrau Anita noch sein Vater gehören angesichts dieser Karriere-Offerte zu den spontan-begeisterten Schulterklopfern. Doch der Gefragte sagt trotz aller Mahnungen zu: „Wenn Verantwortung an einen herangetragen wird, muss man sie auch übernehmen – das ist gesellschaftlich so.“ Ausdruck des typischen Wisotzki-Selbstverständnisses.

Hintergrund Bis ein Infarkt drei Tage nach Weihnachten seinen Herz-Rhythmus stoppt. „Sechs Minuten war ich leblos“, vermeidet er den Begriff „Tod“ heute ganz bewusst. Dreimal versuchen seine ehemaligen Kollegen, ihn per Defibrillator zurück ins Leben zu holen. Einmal häufiger als üblich. Plötzlich ist sein Puls wieder messbar, der Sinus-Rhythmus taucht auf dem EKG-Monitor dort wieder auf, wo kurz zuvor noch die Null-Linie prangte: „Das haben die gut gemacht.“

Danke an die Lebensretter

Wisotzki atmet zweimal tief durch. Es sei eben doch eine kluge Entscheidung gewesen, den Rettungswagen in Haspe zu belassen, bricht nach diesem emotionalen Moment sofort wieder der Feuerwehrmann bei ihm durch. Wochen später hat er sich auf der Wache mit einem Frühstück bei den Einsatzkräften für ihre Hartnäckigkeit bedankt: „Das waren früher schließlich alles meine Leute – gute Leute. Ich habe sie alle vom ersten Tag an gekannt.“

Erst zwei Tage später, an seinem 62. Geburtstag, schlägt er auf der Intensivstation erstmals wieder für Sekunden die Augen auf. Als er vollständig aus dem Koma erwacht, sind die ersten Sonnenaufgänge des Jahres 2014 bereits Geschichte. „Natürlich habe ich meine OB-Kandidatur hinterfragt“, erinnert er sich an die Reha-Wochen in Lüdenscheid. „Dort gab es auch viel Leerlauf und damit Zeit zum Grübeln.“ Ohne Zigaretten und mit veränderter Ernährung kommt auf dem Ergometer die Kondition zurück. „Geistig hatte ich ja sowieso nichts abgekriegt“, wischt Wisotzki die erneut skeptischen Stimmen aus seiner Familie vom Tisch.

Auch die SPD lässt ihm durchaus die Zeit, seine Kandidaten-Zusage zu überdenken. Da die Schulz-Allianz mit der Nominierung ebenfalls spät dran ist, entsteht kaum Zeitdruck.

Im März kürt ihn schließlich ein Parteikonvent in der Stadthalle zum sozialdemokratischen Spitzenmann. Startschuss für aufregende Wochen voller Termine, Begegnungen und Bürgerkontakte. Ordnung und Sicherheit, Daseinsvorsorge, Kita-Plätze und Sportstättennutzungsgebühr werden zu seinen politischen Steckenpferden, seine Fähigkeiten, Menschen zuzuhören und Klartext zu reden, sind seine Stärken.

Gefallen am Bürgermeisteramt

Am Ende reicht es für die Stichwahl, aber nicht für den OB-Sessel. „Kein Mensch verliert gern, aber es gibt Niederlagen, die tun einem nicht weh“, fühlt sich Wisotzki heute neben seinem Ratsmandat in seiner eher repräsentativen Bürgermeister-Rolle pudelwohl. Irritiert hat ihn lediglich, dass ihm in den heißen Kommunalwahl-Wochen auch Parteifreunde reichlich Knüppel zwischen die Beine geworfen haben. „Das hat mich persönlich schon getroffen. Dass es auch Skeptiker in den eigenen Reihen gibt, gehört zur Demokratie. Dass diese dann aber den anderen Kandidaten unterstützen, ist schon mehr als ungewöhnlich…“

Dafür bringt der Vereinsvorsitzende von Blau-Weiß Haspe jetzt auch weiterhin genügend Zeit mit, das schmucke Waldstadion mit hölzerner Berghütte und nagelneuem Service- und Umkleidegebäude zwischen Spielbrink und Stadtwald in Schuss zu halten. Und auch er selbst findet wieder mehr Zeit, sich sportlich zu fordern. Neun Kilo hatte der Ratsherr nach seinem Infarkt abgenommen, vier sind wieder drauf.

„Aber ich bin gelassener geworden und rege mich nicht mehr so leicht auf.“ Einen Herzinfarkt bekommen immer nur die Anderen, lautete seine Überzeugung. Ein Blick auf die Dinge, der sich verändert haben. „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe nichts gespürt, ich war weg, keine Schmerzen, kein Licht das irgendwo aufgeht.“ ­Wisotzki ist ein gläubiger Mensch – abseits der Amtskirche vertraut er auf eine In­stanz zwischen Himmel und Erde. „Ich bin nachdenklicher, ruhiger und sachlicher geworden. Die Relationen verschieben sich.“

Dennoch nimmt er die weihnachtliche Vertrautheit mit der Chance zur Einkehr, Weihnachtsbaum, Lichtern, Familienbesuchen und Fondue am Heiligabend in diesem Jahr als ein besonderes Geschenk wahr: „Am 27. Dezember feiere ich meinen zweiten Geburtstag – am besten am 29. Dezember gleich zusammen mit meinen richtigen Geburtstag“, kommt gleich wieder der Pragmatiker bei ihm durch.

Wichtiger Termin im Januar

Mit einer Südseereise – der Hasper träumt noch von den Fidschi-Inseln – belohnt er sich zu diesem Fest allerdings noch nicht. Sein Fokus liegt auf seinem nächsten Kardiologen-Termin im Januar. „Ich will endlich von den sieben Tabletten am Tag runter.“ Dabei klingt die Prognose durchaus ermutigend: „Ich werde dasselbe nicht noch einmal erleben“, hat ihm sein Professor versprochen. „Eher bekäme ich einen Sechser im Lotto.“

Aber was tun, falls die Glücksfee tatsächlich ihr Füllhorn plötzlich über ihm ausschüttet? „Dann kann ich den Gewinn ja immer noch ablehnen.“

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