Bürokratie
Für eine Fahrkarte ist Schulweg 100 Meter zu kurz
30.07.2010 | 13:10 Uhr 2010-07-30T13:10:00+0200
Hagen.Wenn Rachid zur Schule geht, muss er entweder an einem Hagener Bordell oder an trinkenden Obdachlosen vorbei. Seine Eltern haben bei der Stadt eine kostenlose Schülerfahrkarte beantragt - doch dafür ist Rachids Schulweg 100 Meter zu kurz.
Der kleine Rachid hat die Wahl zwischen Szylla und Charybdis, den beiden Seeungeheuern der griechischen Sage, wenn er sich demnächst auf den Weg zur Realschule Emst macht: Entweder kommt er am Bordell vorbei, oder er geht über die Springe, wo die Obdachlosen trinken und campieren.
Für seine Eltern Ulrich und Fatima Schmalfuß eine ausweglose Situation. „Weder der eine noch der andere Schulweg kommt für unseren Sohn in Frage“, sagt der Vater (54). Deshalb hat er bei der Stadtverwaltung eine kostenlose Schülerfahrkarte, das Schokoticket, beantragt. Doch das Schulverwaltungsamt lehnte ab mit der Begründung, die Fahrkosten würden grundsätzlich erst ab einer Entfernung von 3,5 Kilometern übernommen. Der Schulweg von Rachid ist, man lese und staune, nur 3,4 Kilometer lang.
„Die Vorschriften sind eindeutig“
Petra Petruck, zuständige Sachbearbeiterin im Schulverwaltungsamt, hat den Weg von Rachids Wohnung in der Grünstraße nahe des Stadtgartens bis zur Realschule am Schwelmstück genau nachgemessen: „Die Vorschriften sind eindeutig und lassen mir keinen Entscheidungsspielraum“, sagt sie. „Als Beamtin kann ich eine solche Verordnung nicht einfach nach eigenem Gutdünken auslegen.“ Und wirklich heißt es in der Verordnung: „Fahrkosten entstehen, wenn der kürzeste Fußweg zwischen der Wohnung und dem Unterrichtsort mehr als 3,5 km beträgt.“
Doch das Gesetz lässt Ausnahmen zu, wenn der Schulweg besonders gefährlich oder „nach den örtlichen Verhältnissen“ für Schüler ungeeignet ist. Beides halten Ulrich und Fatima Schmalfuß für gegeben. Nicht nur, dass der von der Stadt zugrunde gelegte kürzeste Weg ihren Sohn unweit des Rotlichtviertels an der Düppenbecker Straße vorbeiführt, sondern auch die Tatsache, dass Rachid verkehrsreiche Straßen wie den Bergischen Ring und das Wasserlose Tal überqueren muss, mache den Schulweg sowohl ungeeignet als auch gefährlich: „Gerade in den Morgenstunden ist die gesamte Innenstadt stark befahren.“
Normale Gefahren des großstädtischen Straßenverkehrs müssten deutlich überschritten sein
Doch das Schulverwaltungsamt hält mit dem Hinweis, die normalen Gefahren des großstädtischen Straßenverkehrs müssten für eine Übernahme der Fahrkosten weit überschritten sein, dagegen. Rachids Schulweg verlaufe eben „nicht überwiegend entlang einer verkehrsreichen Straße ohne Gehweg oder begehbaren Randstreifen“, der Junge müsse „auch keine verkehrsreiche Straße ohne besondere Sicherung für Fußgänger“ überqueren. Dem Hinweis des Vaters auf das Bordell begegnet Sachbearbeiterin Petra Petruck mit der Erklärung, dort herrsche ja morgens kein Betrieb: „Und der Schüler muss ja nicht durch das Viertel gehen, sondern kann auf der anderen Seite der Volmestraße bleiben.“
Vater und Mutter können gegen den ablehnenden Bescheid der Stadtverwaltung keinen Widerspruch einlegen, ihnen bliebe nur der Gang zum Verwaltungsgericht Arnsberg. Davor aber scheut Ulrich Schmalfuß zurück, der Ausgang ist ihm zu ungewiss und das Verfahren zu langwierig. Er sagt, dann bezahle er das Schokoticket für Rachid lieber selbst. Das Ticket kostet 27,65 Euro im Monat, viel Geld für einen Arbeiter mit Frau und zwei Kindern und einem Nettoeinkommen von 1800 Euro. Die Familie hat über Alternativen für Rachid nachgedacht, doch die Realschule in Altenhagen liegt ebenfalls ein gutes Stück entfernt von der Grünstraße, und Rachid müsste am Bahnhof vorbei und ebenfalls vielbefahrene Straßen und Kreuzungen überqueren.
Der Hauptbahnhof ist ein denkbar ungeeigneter Platz für Kinder, die Springe ebenso und das Rotlichtviertel erst recht. „Ich würde dort ja nicht einmal selbst entlanggehen“, sagt Ulrich Schmalfuß. Seinem kleinen Sohn will er das auf keinen Fall zumuten.
19:48
Untätig sind nur die Eltern. Die Realschule Altenhagen läßt sich auf sicheren Wegen nach 1,7 km erreichen. Es gibt eine Lösung und wenn der gute Mann diese ablehnt. Sein Problem und nicht das Problem der Gesellschaft. Wir müssen die städtische Verwaltung abbauen und nicht mit zusätzlichen unsinnen Aufgaben beschäftigen, die in der Eigenverantwortung der Bürger liegen.
13:33
#90
Es geht nicht um die Benutzung der Straßen mit einem Taxi, sondern um die widrigen Umstände. Zahlen Sie auch für vom Sturm umgestürzte Bäume und von der Feuerwehr entsorgte Bäume auf ihrem Weg zur Arbeit? Wieso ist der individuelle Schutz unserer Kinder so ein großes Problem? Gefahrr erkannt, Gefahr gebannt? - Aber nicht in Hagen! Da versucht man eher, das Problem auszusitzen - und erhält noch die Unterstützung derer, die lieber Untätigkeit verteidigen und Verantwortung auf andere schieben als wenigstens zu versuchen, eine Lösung anzubieten...
Eh egal, die Verwaltung hat im Sinne des Bürgers entschieden und mal wieder ganze Arbeit geleistet und damit die Lebensqualität in Hagen in die altbekannte Richtung korrigiert.
11:20
#88
Straßen sind auch öffentlich und trotzdem trägt jeder seine Kosten, wenn er Sie benutzt. Der Steuerzahler ist nicht für die Begleichung der Taxi- oder Benzinrechnung verantwortlich.
09:20
#86
Sie gehören also zu denen, die den Inhalt eines Artikels bereits kennen, bevor sie ihn gelesen haben. Respekt!
23:31
#87
Schule ist öffentlich sowie auch Wege, Plätze und alles, was sich dort abspielt. Vielleicht sollte der Vater auch gar nicht weiter die Verwaltung, sondern Inspektor Calahan bemühen. Der hat ja zu diesem Thema auch einen Kommentar geschrieben und kennt effektive Lösungsansätze... :-)
18:06
#83
Ich sehe kein Problem sondern nur reines Anspruchsdenken.Und selbst wenn dies die größten Probleme wären, hätten wir alle weniger Sorgen. Und selbst wenn es ein Problem ist.. dann ist es ein rein privates Problem. Wir als Steuerzahler sind doch nicht verpflichtet jedes noch so winziges Privatproblemchen zu lösen. Das können die Menschen individuell viel besser und aus dieser Verpflichtung sollten wir auch niemenden entlassen.
16:02
#85 Calahan
Warum verschwenden Sie so Ihre Lebenszeit. Und dann schreiben Sie sogar noch dazu.
15:48
Völlig überflüssiger Artikel. Beim Lesen effektiv Lebenszeit verschwendet.
14:40
Antwort auf: #83 von Duvel, am 02.08.2010 um 13:06
Sehe ich auch so. Warum denn ergebnisorientiert arbeiten, wenn die Gehaltszahlung hiervon nicht beeinflusst wird? Unsere Bürokratie samt Staatsdienern verschluckt mehr Steuergelder, als es Vorteile für den Bürger bringen könnte.
Weiterhin werden die Vorschriften nach Belieben angewendet. Bei der Loveparade hatte man es z.B. nicht so genau genommen. In den kleinen Dingen jedoch wächst die Verwaltung über sich hinaus! Und dieses trotz der Erkenntnis, dass der größte Teil aller Bescheide obendrein noch fehlerhaft ist. Einfach gruselig! ro
13:06
Das ist ja schön, dass der Idiotenchor so einstimmig die Strophe Ich hatte früher auch einen Schulweg von 3,4999 Kilometern und meine Eltern mussten die Karte selbst bezahlen und den Refrain Richtig - die Regelung ist so singt. unterm Strich bleibt mal wieder die Unfähigkeit der Verwaltung, eine Lösung für ein Problem anzubieten. Aber warum denn ergebnisorientiert arbeiten? Die Gehaltszahlung erfolgt doch auch, wenn man statt Engagement einfach den Vorschriften folgt, ohne im Interesse des Einzelnen sich der Sache anzunehmen.