Für das Leben – So hilft die Hagener Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge hilft Menschen in seelischer Not.
Die Telefonseelsorge hilft Menschen in seelischer Not.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Die Telefonseelsorge ist für verzweifelte Menschen eine wichtige Anlaufstelle. Oft geht es ans Eingemachte, um Leben und Tod – aber Reden hilft.

Hagen.. Die Metapher mit dem Osterfest hinkt ein wenig. Ostern geht es ja um die Auferstehung, um ein Leben nach dem Tod. „Bei uns dagegen geht es immer um das Leben vor dem Tod“, sagt Anne Bartsch (77). Und doch haben sie überwältigend viele Anknüpfungspunkte, das höchste christliche Fest und die Telefonseelsorge, für die Frau Bartsch tätig ist. Beide beschäftigen sich mit den zentralen Punkten unserer Existenz. Mit dem Leben und mit dem Tod.

Ihre Kollegin Verena Welschof (54) hatte das Ende ihrer Nachtschicht fast erreicht, sie war müde und freute sich auf zu Hause, als das Telefon klingelte: „Ich war sofort hellwach.“ Denn der Mann am anderen Ende der Leitung, das war für die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Hagener Telefonseelsorge unverkennbar, bluffte nicht. Sie hörte den Wind, der in sein Handy blies, den Verkehr, die Züge.

Er sagte, er wolle von der Brücke springen. Er habe das Gefühl, alles im Leben falsch gemacht zu haben, sagte er, dass er zum Betrüger geworden sei und alle Freunde verloren habe. Obwohl Verena Welschof nicht wusste, auf welcher Brücke der Mann stand, sah sie die Szenerie vor sich und wusste, warum er da stand: „Weil er jegliche Achtung vor sich selbst verloren hatte.“

Keine bekannten Weisheiten

Wie den Mann vom Sprung in die Tiefe abhalten? Mit welchen Worten ihn noch einmal Hoffnung schöpfen lassen? Auf keinen Fall dürfe man suizidgefährdeten Menschen, das hat Verena Welschof gelernt, mit Sprüchen kommen nach dem Motto: „Ist doch alles halb so wild. Wird schon wieder.“ Solche Weisheiten kennen die Anrufer aus ihrem Umfeld zur Genüge, damit fühlen sie sich nicht ernst genommen. Stattdessen redete die Telefonseelsorgerin Tacheles: „Wenn Sie jetzt springen, glauben Sie, dass sie sofort tot sind? Ist die Brücke denn hoch genug? Werden Sie nicht schwer verletzt überleben?“

Wenn es ans Eingemachte geht, um das Leben und um den Tod, dann lassen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge ihre Anrufer reden. Reden kann erleichtern, wenn der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung keine aufmunternden Sprüche klopft, sondern akzeptiert, dass man sein Leben verpfuscht hat und dass da nichts mehr bleibt als der Selbstmord.

Reden kann erleichtern

Endlich ist da jemand, der mich versteht, mag es dem Anrufer durch den Kopf schießen, während der Telefonseelsorger auf einen Ausweg sinnt, nach einem Argument sucht, nach einem logisch präzisen Argument, das den Unbekannten da draußen doch noch von seinem Tun abhalten könnte. Da habe an einem Morgen eine Mutter angerufen, erinnert sich Stefan Schumacher (50), Leiter der Telefonseelsorge, die habe erklärt, spätestens wenn die Kinder von der Schule heimkämen, wolle sie sich erhängt haben. Dass es allen in der Familie und überhaupt allen ihren Bekannten besser ginge, wenn sie nicht mehr da sei. Dass ihre Existenz es anderen Menschen nur schwer mache. . .

Der Tunnelblick

Verzweifelte, schwer depressive Menschen wie diese Mutter hätten oft einen Tunnelblick, der ihnen jegliches objektive Urteil verwehre, erläutert Schumacher. Da sei eine Melodie im Kopf, die nicht mehr verschwinde, eine verhängnisvolle Melodie, ein Takt, der den Freitod vorspiele. Er brauchte der Frau nicht damit zu kommen, wie schlimm ihr Selbstmord für die Kinder sein würde, das hätte sie nicht verstanden, die Melodie in ihrem Kopf hätte ihr diese Schlussfolgerung verwehrt. Schumacher fragte sie, ob sie selbst Eltern gehabt hätte. Aber ja. Und wie es denn für sie gewesen wäre, wenn sie ihre Mutter eines Tages auf dem Speicher baumelnd gefunden hätte? „Ich hätte mir Vorwürfe gemacht und gedacht, das sei meine Schuld“, sagte die Frau. Erst jetzt begriff sie, dass es ihren Kindern nicht anders ergehen würde.

Schicksale ohne Notausgang

Fragen nach Gott und der Religion werden bei den Gesprächen zwischen den Telefonseelsorgern und ihren Anrufern so gut wie nie thematisiert. „Höchstens dass sich jemand darüber beklagt, dass der da oben ihm ja doch nicht helfe“, sagt Anne Bartsch. Für sie als ehemalige Religionslehrerin mag es bisweilen deprimierend sein, wenn der Glaube einem Menschen so gar keinen Halt geben kann. Sie bekommt trostlose, bittere Geschichten zu hören, sie spricht mit niedergedrückten, gebrochenen, mutlosen Menschen, sie hört sich Schicksale ohne Notausgang an. „Ich habe kein Patent­rezept“, sagt sie. „Ich habe noch nie jemandem em­fohlen: Machen Sie dies und das. Ich sage höchstens: Sie sind ein Mensch und sind es Wert, auf dieser Erde zu sein. Versuchen Sie es noch einmal, der Freitod bleibt ihnen immer noch als letzter Ausweg.“

Ostern und das Leben

Dass es sich zu leben lohnt, dass es, wenn scheinbar ­alles vorbei ist, doch weiter geht, ist das nicht auch eine Botschaft des Osterfestes? Nein, es gibt für das Leben keine Patentrezepte und für das Sterben erst recht nicht. Der Mann sei schließlich vom Brückengeländer ­heruntergestiegen, berichtet Verena Welschof, sie habe ihn ins Morgengrauen hinausgehen sehen, während sie ein paar letzte Sätze mit ihm wechselte, bevor der Akku seines Handys endgültig leer gezogen war. Was aus ihm geworden ist und ob er heute noch lebt? Sie weiß es nicht. Er hat nie wieder angerufen.