Für 100-Jährige erfüllt sich der Traum vom Fliegen

Hagen..  Mit 100 Jahren mag man sich dem Himmel ein wenig näher fühlen als andere Menschen. Und doch gab es diesen einen Wunsch, diese tiefe Sehnsucht. Danach, noch einmal hinaufzusteigen – leicht wie ein Vogel, den Wolken und der grenzenlosen Freiheit entgegen. Und danach, diesen fantastischen Ausblick zu genießen.

Den Blick über die Stadt, in der sie lebt, in der sie lange gearbeitet hat. Von oben eben. In diesem Fall zum ersten Mal. Denn Hagen liegt nicht auf der direkten Route zwischen Düsseldorf und Sylt.

„Irgendwann“, sagt Luise Mittelstädt, die am 25. Februar 1915 das Licht der Welt erblickte, „waren wir damals über einer dichten Wolkendecke. Da konnte man sowieso nicht mehr so viel sehen.“ Dieses Damals liegt zwei Jahre zurück. Es war der Tag, an dem Luise Mittelstädt zum ersten Mal in ihrem Leben geflogen ist. Von der Landeshauptstadt zur Nordseeinsel, um ihre Tochter zu besuchen. Im Alter von 98 Jahren. „Mein Mann ist nicht so gerne geflogen“, erzählt Luise Mittelstädt, „er hat auch nicht gerne Urlaub gemacht.“ Die 100-Jährige hat Nachholbedarf.

Von einer Wolkendecke ist am Fronleichnamstag 2015 nichts zu sehen. Dieser Donnerstag ist ein Sommertag, ein wunderbarer Sommertag. Der erste richtige seit langer Zeit. Es ist ein Tag, an dem der blaue Himmel einen herzlichen Willkommensgruß hinab auf die Erde schickt. Hinab auf den Flugplatz Borkenberge zwischen Haltern und Dülmen.

Thomas Bielefeld, Hagener Gastronom, hat die Türen der Cessna geöffnet. Und noch wichtiger: Er hat extra von einem befreundeten Schreiner einen Tritt anfertigen lassen. Luise Mittelstädt ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Kopf funktioniert, die Beine aber wollen nach 100 Jahren nicht mehr so.

Der besondere Fluggast

Passagier Mittelstädt ist ein ganz besonderer für den Hobby-Piloten, der vor einem Jahr an der Flugschule Borkenberge im Münsterland seine Lizenz erhalten hat. „Welcher meiner Kollegen kann schon sagen, dass er mal eine 100-Jährige geflogen hat?“ sagt er und lächelt. „Ich bin so nervös wie beim ersten Soloflug.“

In unserer Zeitung hatte Bielefeld Ende Februar von Luise Mittelstädt, ihrer Begeisterung für das Fliegen und ihrem größten Geburtstagswunsch gelesen. „Ich habe überlegt, wie es funktionieren kann“, sagt der Hobby-Pilot, „ich habe Kontakt mit der Tochter von Frau Mittelstädt aufgenommen. Die größte Herausforderung blieb das Ein- und Aussteigen in die enge Maschine. Schließlich hatte ich die Idee mit dem Tritt.“

Den kann Luise Mittelstädt nicht allein bewältigen. Ein Altenpfleger aus dem Lukaspark an der Schillerstraße in Eckesey, Tochter Gisa Vomhof und Thomas Bielefeld helfen der 100-Jährigen auf die hintere Sitzbank der viersitzigen Maschine. „Mein Knie“, sagt Luise Mittelstädt. Und: „Jetzt brauche ich erst mal eine Massage.“

So weit reicht der Rund-um-Service an Bord des Propellerfliegers nicht. Aber als Thomas Bielefeld die Cessna in Richtung der Piste steuert, scheint der Schmerz im Gelenk vergessen. Start frei zu einem großen Abenteuer, das in den letzten Wochen immer wieder Thema im Lukas­park war.

Bielefeld zieht die kleine Maschine hoch, Luise Mittelstädt lächelt.

Direkter Weg gen Hagen lautet der Kurs, nachdem sich die Maschine Meter für Meter erkämpft hat. 800 sind es am Ende. Es ruckelt, und es rumpelt. Kleinere Turbulenzen lassen das Flugzeug zwischen den Luftschichten hüpfen. „Alles okay“, sagt Bielefeld. Der Motor dröhnt durch die Ohrenschützer. Luise Mittelstädt hört nicht mehr so gut. Sie grinst. Und sie schaut.

Die Ausläufer des Münsterlandes mit seinen Kanälen, Dortmund mit seinen Vororten, dem Fernsehturm und dem Phönixsee, die Ruhr, der Hengsteysee – all das wirkt beim Blick aus dem Fenster wie eine winzige Spielzeugwelt. „Wie wunderbar grün Hagen doch ist“, sagt Luise Mittelstädt, „so viel Wald, so viel Wasser. Das sieht man erst von hier oben.“ Es ist die besondere Schönheit einer Stadt, die von einem schrecklichen Krieg gebeutelt wurde, den Luise Mittelstädt als erwachsene Frau erlebt hat. Die Schönheit der Stadt kann man am Boden erahnen, in ihrer ganzen Pracht aber erschließt sie sich erst aus der Luft.

Es sind die vertrauten Orte, die diese Reise zu einem Flug der Erinnerungen werden lassen. Das Hochschulviertel, das so lange ihre Heimat war. Die Innenstadt mit der Hochstraße, in der ihr Mann einst eine Polsterei hatte. Wehringhausen mit der Lange Straße, wo sie bis vor einem Jahr noch alleine in ihrer eigenen Wohnung gelebt hat.

Tagesgespräch im Pflegeheim

Hagen bleibt zurück, die Erinnerungen an den Flug ihres Lebens wird Luise Mittelstädt behalten. Sie wird davon erzählen, den Pflegern und den Bewohnern im Lukaspark, die anfangs nicht glauben wollten, dass eine 100-Jährige in ein Flugzeug steigt und die sich dann mit ihr auf diesen Tag gefreut haben. Sie wird erzählen von einem tollen Flug, von einer sanften Landung und von einem Mann, der Wünsche wahr werden lässt. „Ein ganz toller Pilot.“

Der Wunsch („Dass ich das erleben durfte...“) ist erfüllt. Die Sehnsucht bleibt. Nach der grenzenlosen Freiheit, nach diesem wunderbaren Ausblick. Am 26. Februar 2016 feiert Luise Mittelstädt Geburtstag. Sie hat schon einen Wunsch – dem Himmel ganz nah zu sein. Und wer sagt eigentlich, dass man mit 101 Jahren nicht mal in die Luft gehen kann?