Fragen der Verantwortung

Es ist mit Sicherheit nicht der richtige Zeitpunkt, um vertiefend nach den Ursachen des Enervie-Dramas zu fragen, das 1300 Beschäftigte und deren Familien mit größter Sorge und Ängsten verfolgen. Die Banken wollen momentan vor allem sehen, dass die Gesellschafter – getragen von breiten politischen Mehrheiten – sich zu dem strauchelnden Unternehmen bekennen und zu gemeinsamen finanziellen Kraftanstrengungen bereit sind, die Existenzkrise durchzustehen. Dass die Enervie AG am Ende sanierungswürdig ist, bezweifelt eigentlich niemand.


Aber mit welchem Geschäftsmodell und wie vielen Köpfen der Energieversorger eine Zukunft hat, gilt es zu ergründen. Selbst in den fetten Jahren, als die Erzeugung noch satte Gewinne erbrachte, war der Ertrag in Relation zum Gesamtumsatz eher übersichtlich. Dramatisch flott muss eine deutliche Ergebnissteigerung her. Dass dies bislang nicht gelang – das wird jetzt besonders offensichtlich –, ist vor allem einem überdotierten Personalwasserkopf geschuldet, der massiv zurückgefahren werden muss. Somit bilden die aufgrund des Zusammenbruchs der Erzeugung angelaufenen Sozialplanverhandlungen nur den Einstieg in einen tiefergehenden Arbeitsplatz- und Zulagenabbau. Diese bittere Wahrheit wird zentraler Bestandteil der Restrukturierungsmaßnahmen sein, die von der Unternehmensberatung Roland Berger erarbeitet werden.


Aber es wird auch darüber zu diskutieren sein, worin die Ursachen für die Enervie-Misere liegen. Natürlich trifft die bundesweite Energiewende den deutlich zu erzeugungslastigen Versorger mit voller Wucht. Aber eine über Jahre aufgestaute Altschuldenproblematik in Kombination mit erheblichen Sanierungsstaus (Netze, Wasser- und Pumpspeicherwerk etc.) wirft auch Fragen zu hausgemachten Management-Verantwortlichkeiten auf.


Und welche Rolle hat in all den Jahren der Aufsichtsrat gespielt? Hat er dem Vorstand blind vertraut oder die falschen Fragen gestellt? Gibt es in dem politisch dominierten Gremium am Ende gar einen Mangel an Fachlichkeit? Allmählich drängt sich der Verdacht auf, dass erst angesichts der Not und mit der Installation des Finanzausschusses das Drei-Affen-Prinzip durch seriöses Aufsichtführen abgelöst wurde.


Alles keine Fragen für diese hektischen Tage der Rettung, aber irgendwann müssen sie beantwortet werden. Das erwarten vor allem die Groß- und Privatkunden, die Enervie in Zukunft am allerdringendsten braucht.