Flüchtlinge kommen sich beim Kochen in Hagen näher

Beim gemeinsamen Kochen finden in Hagen Flüchtlinge und Einheimische zueinander, erzählen sich ihre Lebensgeschichte.
Beim gemeinsamen Kochen finden in Hagen Flüchtlinge und Einheimische zueinander, erzählen sich ihre Lebensgeschichte.
Foto: Matthias Graben / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Es ist ein außergewöhnliches Projekt in Hagen: Bei „Story-Teller“ kochen Flüchtlinge miteinander und erzählen von ihren Schicksalen.

Hagen.. Ausgerechnet Erdnusssoße. Was heißt das denn nur auf Französisch? Oder Rosinen? Reis? Die Schulzeit ist schon zu lange her, ­Silke Pfeifer fehlen ein bisschen die Worte – und darüber ist sie glücklich. Denn so erfährt sie, wie man sich fühlen muss, wenn man die Sprache der anderen nur bruchstückhaft spricht und versteht. „Hier“, sagt sie und lacht, „bin ich auch Fremde.“

Was gar nicht stimmt, denn tatsächlich fühlen sich in der etwa 15 Quadratmeter großen Teeküche der Hagener Diakonie an diesem Morgen alle sieben Frauen offensichtlich zu Hause. Ganz gleich, woher sie kommen: aus Deutschland, Eritrea, Guinea, Nigeria oder dem Iran. Beim Kochen verstehen sie einander. Ohne viele Worte, ohne Lexikon und Grammatik.

Es duftet nach Zwiebeln, die ­Hiwet im Topf langsam rührend ­erhitzt, bis sie goldbraun sind. Reis köchelt auf den anderen Platten, grüne Linsen sind schon längst eingeweicht. Kreuzkümmel, Kumin, Harissa, falscher Safran und orientalische Gewürzmischungen stehen bereit.

Muadra gibt es heute, ein Gericht aus Eritrea, der Heimat von Hiwet. Gubuti, ebenfalls aus Eritrea, steht neben ihr, zupft Fladenbrot in Stückchen, brät diese an, um sie dann über einen bunten Salat zu streuen.

Gespräche über das neue Zuhause

„Do you need eau?“, fragt Silke Pfeifer auf den Elektrokocher deutend in einem Gemisch aus Englisch und Französisch die Frau aus Guinea, ob sie heißes Wasser braucht, um den Kuskus für den Nachtisch weich zu garen. So entstehen nach und nach ein bisschen radebrechend, dafür aber auf Augenhöhe in der Küche Gespräche. Über die Heimat, über das Leben dort, über das neue Zuhause in Hagen und manchmal auch über die Flucht.

Über das Kochen und Essen sollen die Flüchtlinge und die Hagener zueinander finden – das ist die Idee des Storyteller-Projekts, das Silke Pfeifer mit finanzieller Unterstützung des Soroptimist International Clubs in Hagen und in Zusammenarbeit mit der Diakonie Mark-Ruhr und der Caritas Hagen gestartet hat. Die Rezepte, die die Frauen aus aller Welt mitbringen, sammelt sie, um in Kürze ein Kochbuch zu veröffentlichen. Darin finden sich auch die Geschichten, die die Frauen beim Kochen erzählen. Ganz vorsichtig befragt Silke Pfeifer die Köchinnen. Danach zum Beispiel, wie es in ihrer Heimat aussieht. Danach, wie sie hier in Hagen leben. Auf Englisch, Französisch und auch Deutsch. Wenn einmal ein Wort fehlt, helfen die anderen, übersetzen.

So kommen manche ins Plaudern, berichtet Pfeifer, erzählen offen, wie zum Beispiel die Mutter aus dem Iran, die den anderen in der Küche anvertraute, dass ihr jüngster, elf Jahre alter Sohn, in der Heimat entführt und getötet wurde. Das war für die Familie der grausame Anlass zu gehen. Oder wie die Frau aus Syrien, die Tausende von Euro an eine Schleuserbande bezahlte, um dann zu Fuß durch die Türkei und Griechenland zu wandern – ohne Jacke, ohne Decke für die Nacht.

Nachtisch erinnert an die Heimat

Andere zögern, so viel von sich preiszugeben. Wie die Mutter aus Guinea. Ihren Namen möchte sie nicht nennen, aus Angst vor der Verfolgung in der Heimat. Und aus Sorge um den sieben Monate alten Sohn. Ein Duschtuch hat sie sich um den Bauch geschnürt, trägt den Kleinen darin auf dem Rücken mit sich herum. Eine Schnupfennase hat der Junge – doch seine Mama wollte trotzdem unbedingt an diesem Tag zum Kochen kommen, um für die anderen den Nachtisch zuzubereiten, der sie so sehr an ihre Heimat erinnert, wie sie sagt.

Zum Deutschkursus wollte sie auch hier sein, den der Verein zur Förderung der Flüchtlingsarbeit jeden Mittwoch in den Räumen der Diakonie anbietet. Das gemeinsame Kochen, der Kursus – das seien die beiden einzigen Gelegenheiten, da sie unter Leute komme, deutet sie an. Mit Hiwet und Hope aus Nigeria hat sie sich schon ein bisschen angefreundet.

Und doch bleibt ihr Wunsch, dass eines Tages alles wieder in Ordnung ist in Guinea und sie mit ihrem Sohn zurückkehren kann.