Flucht aus der verstrahlten Heimat

Hagen..  Wenn sie erzählt, lauschen die Zuhörer gebannt. Vera Vaschtschyla, die zum Zeitpunkt des Atomunglücks im ukrainischen Tschernobyl am 26. April 1986 nur drei Kilometer vom Reaktor entfernt wohnte, ist zur Zeit in Hagener Schulen unterwegs. Begleitet wird sie von Dolmetscher Ivan Borschtschow, der zur Stimme ihrer unglaublichen Geschichte wird. Denn auch er kann viel über die Spätfolgen der Katastrophe in seiner Heimat berichten.

Reaktor 4 in Flammen

Als das Unglück geschah, lebte Vera mit ihrer Familie in der Kleinstadt Pripjat, die eigens für Mitarbeiter des Kraftwerks errichtet worden war. „Ich ging an jenem Tag mit meinem Sohn spazieren“, berichtete sie den Schülern des Ricarda-Huch-Gymnasiums. „Wir hatten keinerlei Informationen, dass in Tschernobyl etwas passiert sei.“ Während der Alltag weiterging, brannte bereits das Dach von Reaktor 4, eine Überhitzung hatte den Brand verursacht. Was als Übung geplant war, endete in einem Fiasko. Arbeitern gelang es zwar, die Flammen notdürftig zu löschen, doch der Super-Gau war nicht zu verhindern. Wenige Tage später seien bereits die ersten Mitarbeiter – vor allem jene, die beim Löschen der Flammen mitgeholfen hatten – an der Strahlenkrankheit gestorben. Sie sollten nicht die einzigen bleiben, die der Atomkatastrophe zum Opfer fielen.

Am Abend des Unglücks klingelten Männer in weißen Kitteln an Veras Haustür: „Sie drückten mir und meinem Mann Tabletten in die Hand mit der Anweisung, diese unverzüglich einzunehmen. Wozu und warum, sagten sie nicht.“ Erst 36 Stunden nach der Kernschmelze wurde das 50 000 Einwohner große Pripjat evakuiert. Eine Buskolonne brachte die Anwohner in umliegende Dörfer. „Ohne privaten Besitz und mit Nahrungsmitteln für nur drei Tage verließen wir unser Zuhause“, berichtet Vera.

Gewaltige Atomwolke

Als sie ihre Heimatstadt hinter sich ließ, leuchtete der Himmel über dem Kernkraftwerk rot. Eine gewaltige Atomwolke zog von Tschernobyl aus über weite Gegenden der Ukraine und ins benachbarte Weißrussland. „Auch in meiner Stadt hat es Verseuchungen gegeben,“ fügte Dolmetscher Ivan Borschtschow hinzu: „Und die liegt 300 Kilometer entfernt.“

Mit Fotos und Filmen zeigte er die betroffenen Gebiete. Zahlreiche Menschen starben in den folgenden Jahrzehnten an den von der Strahlung ausgelösten Krebserkrankungen. Auch Veras Mann, der im Kraftwerk gearbeitet hatte, verstarb im Alter von nur 38 Jahren. Die Umgebung von Tschernobyl ist heute militärisches Sperrgebiet, eine Landschaft aus verlassenen Städten und zugewachsenen Industrieanlagen. Die radioaktive Strahlung ist nach wie vor hoch. In den nächsten 1000 Jahre wird hier wohl niemand leben können.

Zum 29. Jahrestag des Unglücks findet eine Gedenkfeier für die Opfer der Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima statt. Am Samstag, 25. April, werden um 21 Uhr, organisiert u.a. vom Bund der katholischen Jugend, Kerzen auf dem Elbersgelände angezündet.