Finanzminister Schäfer: „Geben Sie dem Kassel Airport Zeit“

in eher seltenes Bild am Kassel Airport: eine Passagiermaschine auf der Start- und Landebahn des nordhessischen Verkehrsflughafens. Derzeit heben pro Woche ganze fünf Passagiermaschinen ab.
in eher seltenes Bild am Kassel Airport: eine Passagiermaschine auf der Start- und Landebahn des nordhessischen Verkehrsflughafens. Derzeit heben pro Woche ganze fünf Passagiermaschinen ab.
Foto: dpa
Vor zwei Jahren wurde der Regionalflughafen Kassel-Calden - mittlerweile unbenannt in Airport Kassel - eröffnet. Wir sprechen mit dem Aufsichtsratsvositzenden Thomas Schäfer darüber.

Kassel.. Wegen schwacher Passagierzahlen und einer geringen Zahl an Flugbewegungen sieht sich die hessische Landesregierung Vorwürfen ausgesetzt, Steuergelder zu „verbrennen“. Der hessische Finanzminister Dr. Thomas Schäfer, gebürtiger Sauerländer aus Hemer, ist Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafen GmbH Kassel.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation des Flughafens?

Dr. Thomas Schäfer: Der Flughafen ist nach recht turbulentem Start in einen ruhigen Steigflug übergegangen. In der kommerziellen Luftfahrt war im vergangenen Jahr eine Steigerung der Passagierzahlen um 1,1 Prozent auf gut 47 000 zu verzeichnen, womit wir natürlich nicht zufrieden sein können. Dafür war der Flugbetrieb äußerst zuverlässig: 92 Prozent der geplanten Flüge wurden durchgeführt. Im Vorjahr waren es lediglich 60 – 70 Prozent. In der Business Aviation ging es mit einem Zuwachs der Flugbewegungen um fast 40 Prozent richtig steil bergauf.

Wie sieht Ihre Bilanz der vergangenen zwei Jahre aus?

Schäfer: Kassel Airport hatte Anlaufschwierigkeiten, für die er im Wesentlichen nichts konnte, wie etwa die Insolvenz zweier Fluglinien. Für einen jungen Flughafen, der überdies von Anfang an im Fokus der medialen Aufmerksamkeit stand, war das hart. Ich sehe aber, dass durch den verlässlichen Flugbetrieb seit dem Jahr 2014 das verlorene Vertrauen der Kunden zurückgewonnen werden konnte. Die positive Nachfrage für die in diesem Jahr angebotenen Flüge u.a. nach Hurghada, Antalya und Palma de Mallorca bestätigt das. Wir sind zwar noch weit von der Auslastung weg, die wir erreichen wollen. Die Geschäftsführung arbeitet aber konsequent daran, die Angebote zu erweitern. Wichtige Bestandteile der Flughafenentwicklung und aus Sicht der öffentlichen Gesellschafter für die Finanzierung des Ausbaus ebenso maßgebend, sind die Entwicklung der Allgemeinen Luftfahrt (Geschäfts- und Privatfliegerei) und die durch den Flughafenausbau ausgehenden Impulse für die Gewerbeentwicklung. Hier kann ich nach zwei Jahren klar festhalten, dass sich der Ausbau lohnt.

Wann, glauben Sie, ist der Flughafen am Markt etabliert?

Schäfer: Wir haben Kassel Airport im April 2013 an den Start geschickt. Die Analyse anderer Regionalflughäfen zeigt, dass ein Flughafen vier bis fünf Jahre benötigt, um sich im Markt zu etablieren. Geben Sie Kassel Airport noch ein wenig Zeit.

Von welchen Fluggastzahlen in den kommenden Jahren gehen Sie aus?

Schäfer: Wir gehen von kontinuierlich steigenden Fluggastzahlen aus. Unser Geschäftsführer hat für dieses Jahr das Ziel von knapp 70 000 Passagieren, davon etwa 55 000 im Bereich der kommerziellen Luftfahrt ausgegeben.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die Zahl der Passagiere ­deutlich hinter den bei der Eröffnung formulierten Erwartungen blieb?

Schäfer: Die Enttäuschung über die anfänglich niedrigen Passagierzahlen erkläre ich mir daher, dass die Erwartungen noch auf einer Luftverkehrsprognose beruhten, die im Wesentlichen aus dem Jahre 2006 stammte. Damals ging man von ganz anderen Prämissen zur Entwicklung der Luftfahrt aus, und auch von der ­Finanz- und Wirtschaftskrise war noch keine Rede.

Wie hoch beziffern Sie die Verluste?

Schäfer: Wir hatten 2013 einen Verlust von 6,7 Millionen Euro. Das vorläufige Ergebnis für 2014, dem ersten vollen Betriebsjahr, geht von einem Verlust von knapp 8 Millionen aus.

Wie kann das Defizit reduziert werden?

Schäfer: Die aktuelle Planung sieht vor, dass der Verlust jedes Jahr um durchschnittlich 10 Prozent sinkt. Das funktioniert natürlich nur, wenn man strukturelle Veränderungen vornimmt. Der Flughafen wird auf Einsparpotenziale hin „durchleuchtet“. Ebenso gilt es, Erträge zu steigern.

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat Anfang des Jahres die hessische Landesregierung auf­gefordert, den Airport „vom Regionalflughafen zum Verkehrs­landeplatz zurückzustufen und keine weiteren Steuergelder zu verbrennen“. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Schäfer: Einer solchen Forderung entgegne ich: Gebt dem Kassel Airport doch erst einmal Zeit, sich am Markt zu etablieren. Die Rückstufung zu einem Verkehrslandeplatz würde den Steuerzahler nicht so wesentlich entlasten, dass ich bereits zum jetzigen Zeitpunkt die Chance ­aufgeben möchte, mit dem ­Flug­hafen in der kommerziellen ­Luftfahrt zukünftig nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch struk­turell eine bessere verkehrliche ­Anbindung nordhessischer ­Anwohnerschaft sicherzustellen. Das ist allein mit Geschäfts- und Sportfliegerei nicht möglich. Insofern weise ich auch die Formulierung, dass wir hier „Steuergelder verbrennen“, entschieden zurück. Ich sehe dies als eine sinnvolle ­Investition in die Zukunft Nord­hessens.

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE