Fehldiagnose fast mit dem Leben bezahlt

Heinz Winter brachte seine Frau Elisabeth gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus.
Heinz Winter brachte seine Frau Elisabeth gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Elisabeth Winter litt an einem lebensbedrohlichen Darmverschluss, der jedoch zunächst von zwei Ärzten im Notdienst als Magenentzündung abgetan worden war.

Hagen.. Elisabeth Winter (74) ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Die Ärzte im St.-Josefs-Hospital retteten ihr in einer Notoperation das Leben, nachdem sie ein Wochenende voller Qualen verbracht hatte. Die Seniorin litt an einem lebensbedrohlichen Darmverschluss, der zunächst als Magenentzündung abgetan worden war. Eine Fehldiagnose, die sie um ein Haar mit dem Leben bezahlt hätte. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagt Elisabeth Winter, und in ihrer Stimme mischen sich Unverständnis und Wut über den ungenügenden Befund mit dem Wunsch, das Beinahe-Verhängnis öffentlich zu machen: „Vielleicht trägt ein Bericht in der Zeitung dazu bei, dass andere Patienten sorgfältig untersucht werden.“

Es war der 16. Mai, ein Samstag, als Heinz Winter (79) seine Frau ins Allgemeine Krankenhaus brachte, weil sie an grässlichen Bauchschmerzen und schwerem Erbrechen litt. In der Notfallambulanz bedeutete ihnen ein Arzt, Frau Winter solle die Beschwerden doch besser in der Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte gleich neben dem AKH ergründen lassen. Die dort an jenem Tag tätige Ärztin im Notdienst tastete den Bauch von Elisabeth Winter ab, diagnostizierte einen Magen-Darm-Virus, verordnete ein Medikament und fragte die Patientin, ob sie es lieber als Infusion oder in Tablettenform verabreicht bekommen wolle. „Ich dachte, es kann doch nicht wahr sein, dass die Ärztin mir diese Frage stellt anstatt selbst die Entscheidung zu treffen“, ärgert sich Frau Winter. Schließlich entschied sie sich für die Infusion. Eine Röntgenuntersuchung, eine Ultraschallaufnahme oder eine Blutentnahme hielt die Medizinerin offenbar für unnötig und schickte die Patientin wieder nach Hause.

Der Patientin ging es nur kurzzeitig etwas besser

Doch Elisabeth Winter ging es nur kurzzeitig etwas besser. Am folgenden Sonntag waren die Bauchschmerzen so unerträglich, dass sie wieder in der Notfallpraxis vorstellig wurde. Und wieder tastete der Dienst habende Arzt lediglich ihren Bauch ab, verschrieb Mittel gegen Schmerzen und Übelkeit und machte die entlarvende Feststellung: „Ich weiß nicht, was ich mit Ihnen machen soll.“

In der Nacht zum Montag um 2.45 Uhr – Elisabeth Winter saß schlaflos im Wohnzimmer und krümmte sich seit Stunden vor Schmerz – rief ihr Mann den Notarzt herbei. Seine Frau wurde ins Johannes-Hospital gebracht, wo die Ärzte schnell herausfanden, dass ein Darmverschluss vorlag und die Seniorin ins St.-Josefs-Hospital verlegten, wo sie umgehend operiert wurde. „Das hat mir das Leben gerettet“, sagt sie: „Es war knapp, sehr knapp.“

Wenn zutreffe, was die Patientin schildere, stehe möglicherweise ein ärztlicher Behandlungsfehler im Raum, so Jens Flintrop von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe: „Dazu kann ich nichts sagen.“ Auch Volker Heiliger, Sprecher der Ärztekammer, hält sich bedeckt: „Ich empfehle der Patientin, sich an unsere Gutachterkommission zu wenden, die kann den Fall prüfen.“

Wieder daheim

Inzwischen geht es Elisabeth Winter Tag für Tag ein kleines Stückchen besser. Sie durfte das Krankenhaus verlassen, sie lebt wieder daheim mit ihrem Mann in der Fleyer Straße, aber der Gedanke, dass sie durch eine krasse Fehldiagnose von zwei Medizinern in akute Lebensgefahr geraten war, macht ihr zu schaffen: „Ein Arzt muss eine Gastroenteritis doch von einem Darmverschluss unterscheiden können. Zumindest muss eine umfassende Untersuchung erfolgen. Leider ist das alles unterblieben.“

Eine Nachlässigkeit, ein Irrtum, schlechte Tagesform – wie immer man das Verhalten der Ärzte bezeichnen will, Elisabeth Winter hätte es fast mit dem Leben bezahlt.