Erzähl’s mir

Meistens endet die Unterhaltung damit, dass wir gemeinsam ­lachen. Weil ich die Geschichte mindestens und ungelogen schon 100-mal gehört habe. Und weil Oma immer mit der gleichen Ernsthaftigkeit entgegnet: „Bist du ganz sicher? Aber da gibt es noch etwas, das habe ich dir so noch nicht erzählt.“


Meistens behält sie Recht und es gibt ein Detail in ihren Erzählungen, das ich nicht kenne, wenn sie von dem berichtet, was wie aus einer anderen Welt, wie aus einem anderen Leben klingt: die Flucht aus Ostpreußen. Es tut uns beiden gut, wenn sie darüber spricht. Ihr, weil eine unfassbare Geschichte, die so viele Menschen in Hagen so oder so ähnlich erleben mussten, Gehör findet. Und mir, weil ich mich in meinem Leben glücklich schätzen kann, dass mich vermutlich niemals jemand gegen meinen Willen aus meiner Heimat vertreiben wird.


Zum 80. Geburtstag heute – und du siehst noch längst nicht danach aus, Oma – habe ich mir gedacht, dass es Zeit wird, das mal aufzuschreiben. Ich freue mich auf viele weitere Gespräche von Enkel zu Großmutter. Wir sind noch nicht fertig mit dem Erzählen.