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Erben von 200 000 D-Mark gesucht

14.05.2010 | 18:44 Uhr
Erben von 200 000 D-Mark gesucht

Hagen. Ende Dezember 2000 schloss Günter Karl Kern für immer die Augen. Was niemand ahnte: Der 81-jährige Hagener hatte über 200 000 Mark angespart. Ein erkleckliches Sümmchen. Das Problem dabei: Günter Karl Kern war ledig und kinderlos. Erben unbekannt.

Heute, fast zehn Jahre später, ist der Fall endlich gelöst und die in ganz Deutschland und Polen verstreute Verwandtschaft ausfindig gemacht. Um die weit entfernten Angehörigen aufzuspüren, war allerdings jede Menge Arbeit vonnöten. Arbeit, die sich zehn lange Jahre hinzog.

„Dieser Fall war schon etwas außergewöhnlich“, sagt Ingrid Raabe, die am Hagener Amtsgericht unter anderem für Nachlasspflegschaften verantwortlich zeichnet. Derzeit laufen rund 150 dieser Verfahren, für die zwei Voraussetzungen gegeben sein müssen: Einerseits sind die Erben unbekannt, andererseits ist eine Hinterlassenschaft vorhanden. Wobei Nachlass nicht gleich Nachlass ist – für ein paar Euro fuffzig wird ein solcher Aufwand nicht betrieben. Bleibt nach dem Abzug der Beerdigungskosten aber wie im Falle Kern eine stattliche Summe übrig, beginnt die Suche nach Hinterbliebenen, die den Verstorbenen in den meisten Fällen nie zu Gesicht bekamen. Der viel zitierte Erbonkel aus Amerika – in diesem Falle stammt er aus Hagen.

Wolf, übernehmen Sie!

Werden die Mitarbeiter des Ordnungsamtes nicht fündig, machen sich zunächst drei selbstständige Nachlasspfleger im Auftrag des Amtsgerichts auf die Suche nach Hinterbliebenen. „Alle drei haben es drauf“, erklärt Ingrid Raabe, „und auf alle drei kann ich mich hundertprozentig verlassen“. Ein Ereignis aus dem vergangenen Jahr bestätigt diese Aussage: Im Keller eines Verstorbenen entdeckte ein Nachlasspfleger sage und schreibe 500 000 Euro. Viele wären der Versuchung vermutlich erlegen und hätten das Geld selbst eingesteckt. Nicht so der Hagener: Er meldete den Fund umgehend dem Amtsgericht.

Kommen aber auch die Nachlasspfleger nicht weiter, heißt es: Alfred Wolf, übernehmen Sie! Der Erbenermittler aus Iffezheim, über den schon in mehreren TV-Sendungen berichtet wurde, hat sich seit fast 60 Jahren der Suche nach Erbberechtigten verschrieben. Er kümmert sich um besonders schwierige Fälle, taucht tief in die Familiengeschichte ein und recherchiert auch schon mal in Australien, Argentinien oder Russland. Und die Expertenarbeit kostet das Amtsgericht keinen Cent; vielmehr vereinbart Wolf mit den gefundenen Erben ein Honorar, das meist zwischen 15 und 25 Prozent der Netto-Erbschaft liegt. Sind diese damit nicht einverstanden, müssen sie selbst in Archiven nach Urkunden suchen, die ihre Verwandschaft mit dem Toten belegen. Für Laien eine kaum lösbare Aufgabe.

Bei dem 1929 in Oberschlesien geborenen Günter Karl Kern suchte Wolf vor allem in Polen nach Sterbe- und Geburtsurkunden sowie nach Taufbescheinigungen. Eine alles andere als leichte Angelegenheit, wie Ingrid Wolf weiß: „Dort ist es besonders schwierig an solche Unterlagen zu gelangen, denn viele sind nicht mehr aufzufinden oder irgendwann verbrannt.“

Doch Alfred Wolf lieferte 1a-Arbeit ab: Die von ihm entdeckten Papiere füllen einen ganzen Ordner, der Stammbaum der Familie Kern, den der Iffezheimer erstellte, ist beachtliche 2,50 Meter lang. Anhand dieser Ahnentafel errechnete Ingrid Wolf, wer wie viel Geld erhält. Den größten Anteil, nämlich exakt ein Sechstel, bekommt der Sohn einer Cousine Kerns, jeweils ein Achtzehntel erhalten die Töchter von Kerns Nichten.

„Aber das wäre ja zu einfach“, beschreibt die Rechtspflegerin schmunzelnd weitere Probleme. Da eine der Damen bereits verstorben ist, erhalten deren Kinder jeweils den 54. Teil der Summe. Doch damit nicht genug: Die Enkel eines Cousins müssen sich gar mit einem Hundertachtel begnügen.

Zumindest bislang. Denn in einer öffentlichen Aufforderung suchte das Amtsgericht unlängst nach verschollenen Verwandten Kerns. „Dabei handelt es sich nicht selten um die schwarzen Schafe einer Familie, die irgendwann abgetaucht sind“, sagt Raabe. Sechs Wochen haben sie nun Zeit, sich zu melden. Passiert dies nicht, kann die Akte „Günter Karl Kern“ geschlossen werden. Nach zehn langen Jahren.

Michael Schuh

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2010-05-14 18:44
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