Einsamen Leben ein Stück Würde geben

140 Menschen kamen zu dem Gedenkgottesdienst in der Johanniskirche zusammen.
140 Menschen kamen zu dem Gedenkgottesdienst in der Johanniskirche zusammen.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Zweimal im Jahr wird im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes einsam verstorbener Hagener gedacht. 43 Menschen waren es zwischen November und März.

Hagen.. Fritz Müller. Geboren 1938. Ein Bergmann aus Gelsenkirchen, den es nach der Scheidung nach Hagen verschlug. Kontakt zu Exfrau und Sohn hatte er schon lange nicht mehr. Die Trennung von seiner Familie warf ihn vor vielen Jahren aus der Bahn. Arbeitslosigkeit, ein paar Jahre mit zu viel Alkohol, zwischenzeitlicher Verlust der Wohnung – Stationen eines Lebens, das im Herbst vergangenen Jahres einsam endete.

Fritz Müller war ein freundlicher, zurückgezogener Mensch, der von Zeit zu Zeit in den Pfarrgärten Laub harkte. „Gebettelt hat er nie“, erinnert sich Pfarrerin Elke Schwertfeger aus der Pauluskirchengemeinde. Nun ist er tot. Als er starb, war niemand bei ihm. Als er beerdigt wurde, begleiteten ihn nur die Leute vom Beerdigungsinstitut. Doch nun erklingt sein Name in der Johanniskirche: „Fritz Müller, ein Ebenbild Gottes.“ Den „Gottesdienst für Unbedachte“ gibt es seit 2014. Zweimal pro Jahr organisieren die Krankenhaus-Seelsorger des Allgemeinen Krankenhauses (AKH), ein katholischer und zwei evangelische Theologen, eine kleine Feierstunde, bei der unter Glockengeläut all derer gedacht wird, die in den zurückliegenden Monaten ohne Trauerfeier beigesetzt wurden.

Aktion gibt es seit 2014

43 Menschen waren das zwischen November und März. 43 Männer und Frauen, die so zurückgezogen lebten, dass sich niemand um ihre Beerdigung kümmern konnte. 43 Mal suchte das zuständige Ordnungsamt vergeblich nach Angehörigen, die eine Beisetzung hätten organisieren können. 43-mal ging ein Leben einsam zu Ende. Diesen Leben Würde und Respekt zu erweisen, ist der gemeinsame Wunsch der Kirchenvertreter und der Stadt Hagen, die dieses Projekt ebenfalls unterstützt.

„Elisabeth Schmidt. 88 Jahre.“ Elke Schwertfeger erzählt aus dem Leben einer – zwar fiktiven, aber doch auch typischen – Frau. Eine ehemalige Krankenschwester. Ohne Angehörige, starb sie nach einem langen, durchaus geselligen Leben, an Demenz erkrankt schließlich in einem Pflegeheim. Die ehemaligen Nachbarn hatten da schon lange aufgehört, sie zu besuchen. Da sie kein Testament hinterlassen hat, kümmert sich auch nach ihrem Tod das Ordnungsamt der Stadt um die Beisetzung.

Die Urnenbestattung ist die preiswerteste Form, darum wählen die Bestatter in der Regel diese Form der letzten Ruhe. Nach Angehörigen sucht die Ordnungsbehörde, wenn auch erfolglos; doch ehemalige Freunde oder Nachbarn aufzuspüren, wäre Aufgabe von Detektiven. „Elisabeth Schmidt. Ein Ebenbild Gottes.“ Dass nun mehr als 140 Menschen zum Gedenkgottesdienst kommen, liegt vielleicht auch an der großen Anzeige, die ein heimischer Zeitungsverlag spendet. Hier sind alle Verstorbenen aufgelistet. „Als ich den Namen meiner ehemaligen Nachbarin gesehen habe, war ich erschrocken“, erzählt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. Ein paar Tränen laufen ihr über das Gesicht, als die Namen der 43 verlesen werden.

Realität sieht anders aus

Doch auch den Rettungssanitätern, den Mitarbeitern der diakonischen Einrichtungen und der Kirchengemeinden, die an diesem Gottesdienst teilnehmen, obwohl sie keinen der Verstorbenen persönlich kannten, sieht man an, dass ihnen die Feierstunde nahe geht.

„Natürlich wünscht sich jeder Mensch, im Kreise seiner Angehörigen zu sterben“, weiß der Krankenhausseelsorger Pfarrer Jürgen Krullmann. Doch die Realität sieht eben oft anders aus, das erleben er und seine Kollegen, der katholische Pfarrer Jürgen Schmitt-Assmann und Pfarrerin Elke Schwerdtfeger, gerade in der Krankenhausseelsorge häufig. Und dabei sind es keineswegs nur die Hochbetagten, deren Verwandte selber schon verstorben sind, oder die Menschen am gesellschaftlichen Rand. Viele der Namen, für die zwei Ehrenamtliche im Altarraum Kerzen anzünden, während minutenlang die Glocken läuten, gehören Menschen in den 50-ern und 60-ern.

Wohl keiner der Trauergäste, die nach dem Gottesdienst noch bei Kaffee und Keksen zusammen bleiben, kann den Gedanken an den eigenen Tod verhindern. Wie wird es sein? Werde ich allein den letzten Weg gehen? So wie Lutz Bauer, der mit 58 Jahren plötzlich vor dem Bahnhof zusammenbrach und ein paar Tage später im Krankenhaus verstarb? Vielleicht. Aber nicht ohne Würde. „Lutz Bauer. Ein Ebenbild Gottes.“