Dunkelführung durch den Bunker Bergstraße

Mit Taschenlampen geht es bei der Dunkelführung durch den Hochbunker an der Bergstraße.
Mit Taschenlampen geht es bei der Dunkelführung durch den Hochbunker an der Bergstraße.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Eine Dunkelführung durch den Bunker an der Bergstraße in Hagen ist eine besondere Zeitreise. In dem Betonklotz haben die Menschen im Zweiten Weltkrieg Schutz gesucht.

Hagen-Mitte.. Luxus. Luxus hatte sie gesagt. Luxus ist relativ. Luxus können nicht die kargen Wände gewesen sein, die sich im Lichtkegel meiner Taschenlampe zeigen. Luxus sind nicht diese sanitären Anlagen, die nicht für 3000 Menschen gereicht haben können. Luxus sind nicht diese kleinen Räume, die für sechs konzipiert waren aber täglich aus allen Nähten platzten.

Luxus? „Dieser Bunker war ein Luxusbunker“, hat Michaela Beiderbeck, die eines der außergewöhnlichsten Objekte der Stadt gekauft und zu einem privaten Museum gemacht hat, gesagt. „Er hatte alles, was man im Rahmen des Führersofortprogramms beantragen konnte. Es gab einen Frischwasserbrunnen und sogar eine Heizungsanlage. Wenngleich die nie gebraucht wurde.“ Menschliche Wärme bekam in der drangvollen Enge eine wörtliche Bedeutung.

Dunkelheit im Luxusbau

Es stank bestialisch vor 70 Jahren. Nach Schweiß und nach menschlichen Hinterlassenschaften derer, die es in ihrer Furcht nicht mehr rechtzeitig auf die viel zu kleine Toilettenanlage im Untergeschoss des Gebäudes schafften.

Es ist dunkel in diesem Luxusbau. So wie vor 70 Jahren, als die Menschen so wie ich nicht mehr als eine Dynamotaschenlampe in den Händen hielten und das Notstromaggregat wegen der Treibstoff-Knappheit äußerst sparsam eingesetzt wurde. „Dunkelführung“ heißt deshalb auch diese Besondere Zeitreise in den Hochbunker an der Bergstraße. Es geht vorbei an jenem Raum, in dem über Schicksale entschieden wurde. Nahe am Treppenhaus saß einst der Bunkerwart. Er hatte darauf zu achten, dass Juden, Zigeuner und Behinderte nicht in die Schutzräume kamen.

Bomber aus den Boxen

Aus Lautsprechern dröhnen die Motoren der Maschinen, die sich zu Hunderten auf eine Stadt stürzten, die bereits am Boden lag. Sirenen rufen die Menschen aus ihren Häusern in die Schutzräume. Bomben explodieren. Luftlagemeldungen werden verlesen. Einige Geräusche kann man einfach simulieren. Andere nicht. Nicht die Angstschreie derer, die im letzten Moment den Bunker erreichten. Nicht ihre Gebete, nicht ihr Wimmern und nicht ihr Weinen.

Auch nicht die Durchhalteparolen der Nazigrößen, die auch in den letzten Tagen hier unten in der Dunkelheit des Bunkers an des Führers Endsieg glaubten. So wie der damalige Oberbürgermeister Heinrich Vetter, der hier mitten in der Innenstadt Schutz suchte. „Manchmal torkelte er betrunken in den Bunker und pöbelte herum“, sagt Michaela Beiderbeck, „jeden Normalsterblichen hätte man achtkantig rausgeworfen. Mit Vetter konnte man das nicht machen. Er kam allein in den Maschinenraum.“

Menschliche Knautschzone

Vetter saß im Keller. Andere in den oberen Geschossen des Betonklotzes. Kein guter, kein sicherer Platz. Der Bau war statisch so kalkuliert, dass die Obergeschosse bei einem Volltreffer Knautschzone für die unteren Etagen waren. „Menschenmaterial diente als Puffer“, sagt Michaela Beiderbeck. Grausame Mathematik im Dritten Reich.

Das Museum aber ist im Keller. Hier ist es eng. In den Fluren, in denen sich die Besucher mit ihren Funzeln begegnen. Und in den Räumen, die links und rechts von den Gängen abzweigen. „Sechs Quadratmeter für 20 Menschen“, sagt Michaela Beiderbeck, „die Türen wurden geschlossen.“

Nach dem Angriff vor dem Nichts

Wenn sie sich öffneten, blieben die Sorgen. Nicht mehr die um das eigene Leben, aber doch die vor dem, was einen draußen erwartete. „Nach dem großen Angriff am 15. März kamen die Menschen aus dem Bunker und die Innenstadt war zu 100 Prozent zerstört“, sagt Michaela Beiderbeck. „Sie hatten überlebt, aber sie standen vor dem Nichts.“

Am Eingang gebe ich die Taschenlampe ab. Draußen ist es dunkel geworden. Ich stehe nicht vor dem Nichts. Ich stehe vor meinem Auto. 70 Jahre nach dem Untergang.