Doppel-Bolzen für Kirmesbauer und Stadtredaktion

Wachholderritter unter sich: Vier Persönlichkeiten wurden in den Kirmes-Adelsstand berufen.
Wachholderritter unter sich: Vier Persönlichkeiten wurden in den Kirmes-Adelsstand berufen.
Foto: Alex Talash
Was wir bereits wissen
30 Jahre Bolzen und dennoch einen Premiere: Diesmal wurden gleich zwei vergeben – an die Stadtredaktion Hagen und Kirmesbauer Udo Röhrig.

Haspe.. Dass die Hasper sich selbst und ihren Menschenschlag als die Krönung der Schöpfung betrachten, dürfte sich längst herumgesprochen haben. Doch dass sich unter diesen Auserwählten, vom Schicksal Begünstigten noch immer Figuren entdecken lassen, denen noch höhere, geradezu überragende Weihen gebühren, das wird alle Jahre erst beim Erbsensuppenessen – dem vormittäglichen ULK-Aufwärmprogramm des Kirmeszuges – deutlich. Da werden Verdiente gelobt, Treue mit Ketten behangen, Ehrenwerte zu Wachholderrittern geschlagen und mit Löffel-Bestecken geschmückt, aber auch Brauchtumssünder mit dem zweifelhaften Bolzen-Titel dekoriert.

Premiere nach 30 Bolzen-Jahren

Letzteres in diesem Jahr – eine echte Premiere in der 30-jährigen Bolzen-Historie – gleich zweifach: Zum einen die Stadtredaktion Hagen, die sich bei der Kirmes-Kommers-Berichterstattung peinlich und frevelhaft im Symbolfiguren-Dschungel verhedderte; zum anderen Kirmesbauer Udo Röhrig, der mangels peppiger Bolzen-Kandidaten in seiner Not die Redakteurin Yvonne Hinz mit einer erbärmlichen Mitleidsnummer in die Bolzen-Falle gelockt hatte.

Denn einen klaren Favoriten, das mussten die auch in diesem Jahr musikalisch und textlich überragenden Bolzen-Barden Werner Hahn (Dr. ULK) und Siegfried Gras (Don Piano) erleben, gab es 2015 nicht. „Die Vorschläge waren grottenschlecht“, schmetterte Hahn frustriert durch den proppenvollen Saal des Vereinshauses St. Bonifatius, „viel Gerede, wenig Ergebnis“ – trotz unablässiger Eversbusch-Schlürferei als Kreativ-Impulsgeber.

Zunächst rückte Brauchtums-Präsident Dietmar Thieser in den Bolzen-Fokus, weil er es gewagt hatte, per Facebook am Kirmeswochenende zum Extraschicht-Spektakel ins Ruhrgebiet zu lotsen. Dann sollte Zwieback-König Carl-Jürgen Brandt herhalten, der mit seiner Produktion bei Nacht und Nebel in den Osten verduftet sei und den Hasper lediglich eine bröckelnd-hässliche Brache hinterlassen habe. Doch das Bolzen-Komitee des Hasper Heimat- und Brauchtum-Vereins fürchtete, dass in Poststreik-Tagen der mit einem Schwellennagel der alten Hasper Talbahn versehene Holzklotz es nie in den wilden Osten schafft.

Alternativen mussten her. Schnell war das städtische Bauordnungsamt ausgeguckt, das den beliebten Hähnchenmann vom Kirchplatz vertreiben will. Oder doch wieder GWG-Chef Christoph Rehrmann, der die Voerder Straße für Einbahnverkehr öffnen möchte, also nach Hasper Lesart eine Autobahn in der Shopping-Meile errichten möchte? Ein Themen-Dilemma, das die Bolzen-Barden angesichts des HHBV-Dauerschweigens an den Rand der Verzweiflung trieb.

Bis sich schließlich Redakteurin Yvonne Hinz erbarmte und HHBV-Vize und Kirmesbauer Udo Röhrig als Wolkenschieber titulierte. Für die Bolzen-Weisen die rettende Steilvorlage: Nach 1988 und 1999 der dritte Bolzen-Stern für die Trikots der Stadtredaktion – unsere Fußball-Weltmeister lassen grüßen. Triumphierend und auch sichtlich erleichtert, in letzter Sekunde doch noch einen würdigen Titelträger gefunden zu haben, überreichte Präsident Dietmar Thieser den neu gestalteten, tiefschwarzen Bolzen an Redakteur Martin Weiske als Vertreter der Stadtredaktion.

Dieser nahm die zweifelhafte Trophäe für seine verhinderte Kollegin zwar mit der gebotenen Demut entgegen, tischte jedoch zur Überraschung aller eine Geschichte auf, die Jury und Bolzen-Barden die Haare zu Berge stehen ließ: Kirmesbauer Röhrig habe die mit den Hasper Schrulligkeiten nicht ganz so vertraute Kollegin ein eine Bolzen-Falle gelockt. „Mit einem lüsternen Lock-Anruf dirigierte Udo – dieser selbst ernannte Hülsche-Casanova – sein ahnungsloses Opfer an den Ententeich unweit seiner Panorama-Ponderosa“, klärte Weiske auf. Weil der HHBV-Vize es leid sei, getrieben von einem Esel mit albernen Bommel-Schühchen alljährlich durch Hasper zu pilgern, wolle er schon vor seinem 70. Lebensjahr ins Wolkenschieberfach wechseln. „Ob sie ihn dort nicht ins Gespräch bringen könne, schluchzte Röhrig meiner Kollegin Yvonne Hinz ins Dekolleté“, so Weiske. Eine skandalöse Posse, die die Bolzen-Barden sofort handeln ließen: Noch in der selben Minute musste der HHBV-Vize ebenfalls die Schmäh-Auszeichnung annehmen.

Ein O. zum Wachholder-Schlürfen

Weitaus erfreutere Gesichter gab es beim Quartett der Wachholderritter, allen voran Oberbürgermeister Erik O. Schulz. „Diese kleine Großartigkeit trägt das O. nur deshalb im Namen, damit bei der kreisrunden Mundhaltung der Eversbusch optimal vom Wachholderlöffel in den Rachen fließt“, klärte Thieser auf. Ansonsten wurde der Hagener Verwaltungschef gleich vergattert, jeglichen Widerstand im Rathaus gegen die Hasper Belange konsequent zu brechen und finanziellen Schaden von Haspe abzuwenden.

Hasper Kirmes Dass der Hagener Westen diese Sonderbehandlung verdient habe, arbeiteten Hackebämmels Enkel mit einem himmlischen Sketch heraus. Anhand ihrer Beweisführung gab es zum Start des Kirmeszuges keinerlei Zweifel mehr, dass An­dreas-Pils und Eversbusch Teil der Schöpfungsgeschichte sind und Moses offenbar den achten Tag bei der Niederschrift der Gottes-Taten schlichtweg geschlabbert hat. Unsinn, Leichtsinn, Kneipsinn – der Dreiklang des ULKs – vom Feinsten.

Qualitäten, für die auch Rainer Bartelheim, Vorsitzender von Grün-Weiß Haspe, steht. Von Laudatorin Petra Lohmberg-Bracht als „Fleisch gewordenes Kind im Mann“ gewürdigt, gab er als Küchenchef des Hasper Koch-Studios eine Kostprobe seines schauspielerischen und komödiantischen Talents ab. Als unentwegtes Zugpferd bei Kirmes und Brauchtum hatte er sich die Lob­preisungen eines Heimatkettenträges wahrlich verdient.

Ähnlich schräg der Auftritt des Ex-Iämpeströters und HHBV-Frauenbeauftragten Heiner Beckmann, der die Zuhörerschaft mit einem dubiosen Sauna-Kult auf dem Spielbrink vertraut machte. Erstaunt und amüsiert erfuhren die Hasper, dass die Schwitzhütte des HHBV-Präsidenten offenbar nicht bloß als Wellness-Oase dient, sondern sich dort reichlich andere Merkwürdigkeiten abspielen. Ohne sich an dieser Stelle in pikanten Details zu verlieren – am Ende stand der bekennende Schalke-Fan Thieser im schwarz-gelben BVB-Bademantel mit Kloppo-Maske auf der Boni-Bühne.

Fazit: Gestärkt durch ULK, Erbsensuppe und den Schlachtruf „Einer für alle, alle für Haspe“ waren die Gäste des Vormittags nach dreistündigem Programm für die Höhepunkte des launigen Kirmeszuges bestens gerüstet.