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Krankenhauskeime

Die unsichtbare, tödliche Gefahr

14.04.2010 | 10:02 Uhr
Die unsichtbare, tödliche Gefahr

Hagen. Multiresistente Bakterien fordern in deutschen Kliniken so manches Menschenleben. Hagener Krankenhäuser beugen der Ansteckung mit den unsichtbaren Erregern vor.

Die Hagener Krankenhäuser haben multiresistenten Bakterien den Kampf angesagt. Die meisten Kliniken der Stadt beteiligen sich an der Aktion „Saubere Hände”, die auf Hygiene und notfalls die Isolation infizierter Patienten setzt.

„Vor und nach jedem Patientenkontakt ist es für medizinisches Personal selbstverständlich, dass eine akkurate Händedesinfektion erfolgen muss”, so Karl-Heinz Böhm (59), Gesundheitsingenieur am Hagener Gesundheitsamt.

Resistenz gegen Antibiotika

Multiresistente Bakterien stellen eine tödliche Gefahr dar, weil sie infolge von Mutationen selbst mit Antibiotika kaum noch bekämpft werden können. Zu schaffen macht den Medizinern vor allem ein Staphylococcen-Stamm, der sich bei rund einem Drittel aller Deutschen in der Nase befindet und unter bestimmten Umständen Wundinfektionen auslösen kann. Die multiresistente Variante dieses Bakteriums, MRSA genannt, schlägt auf die Gabe von Antibiotika nicht mehr an. Böhm schätzt, dass mittlerweile 20 bis 25 Prozent der Staphylococcus-Patienten in Hagenener Krankenhäusern mit MRSA befallen sind - mit steigender Tendenz: „Gefährdet sind vor allem ältere Patienten und solche, die ein geschwächtes Immunsystem haben.” Kommt es zu einer Blutvergiftung, sind die Überlebenschancen für den Patienten gering.

Und es gibt nicht nur MRSA. Ein „ganzer Zoo” multiresistenter Bakterien sei entstanden, so Böhm. Dadurch werden selbst Krankheitserreger wieder zur tödlichen Gefahr, die ihren Schrecken schon verloren hatten. So registrierte das Gesundheitsamt Hagen zwei Fälle von resistenten Tuberkulose-Bakterien, auf die keine Behandlung mehr anschlug. Einer der Patienten ist inzwischen verstorben. Der Zustrom von Menschen aus Osteuropa und Asien sorgt dafür, dass das Tuberkel-Bakterium in Deutschland wieder auf dem Vormarsch ist. „Noch ist die Situation nicht dramatisch”, so Böhm. „Aber aufgrund der globalen Infektionswege kann sich das schnell ändern.”

Regelmäßige Desinfektion

Bei der Reduzierung von krankenhausbedingten Infektionen kommt der Prävention eine große Bedeutung zu. Niedrige Infektionszahlen aus Ländern, die stringente Präventionsmaßnahmen durchführen, belegen dies. Eine der wesentlichen Maßnahmen zur Bekämpfung von Erregern sind die regelmäßige Desinfektion der Hände und das Tragen von Schutzkleidung. Das Hagener Marien-Hospital hat mit Dr. Walter Lindemann,  Chefarzt der Abteilung für Hämatologie und Onkologie, sogar eigens einen Hygienebeauftragten ernannt. „Es besteht die Gefahr, dass die Resistenzen immer umfassender werden”, so der Chefarzt. Zur Vorbeugung hänge daher in jedem Krankenzimmer ein Desinfektionsspender.

Umfangreiche Studien belegen, dass krankenhauserworbene Infektionen durch Hygienemaßnahmen um bis zu 30 Prozent reduziert werden können. „Unsere Kliniken betreiben einen unglaublichen Vorsorge-Aufwand, aber das ist notwendig”, betont Böhm. Schon der Verdacht, dass ein Patient Träger eines der gefährlichen Keime sein könnte, genügt heutzutage, um ihn von anderen Kranken zu isolieren. Das sei notwendig, bringe jedoch ein psychologisches Problem mit sich, hat Chefarzt Lindemann erkannt: „Damit der Patient nicht das Gefühl hat, er sei aussätzig, muss man ihm erklären, dass eine solche Maßnahme dem Schutz anderer Menschen dient.”

27 Hagener Institutionen - darunter neben den Krankenhäusern viele Altenheime und Pflegeeinrichtungen - haben sich im Netzwerk MRSA zusammengeschlossen und zur Einhaltung verbindlicher Hygienemaßnahmen verpflichtet. Dazu gehört auch der kontrollierte Einsatz von Antibiotika, denn deren unsachgemäße Dosierung trägt entscheidend zur Mutation harmloser Bakterien bei. Zudem plant das Gesundheitsamt die Einrichtung eines Internetforums zum Thema. Man dürfe die Problematik keineswegs auf die leichte Schulter nehmen, warnt Böhm: „Die Anzahl multiresistenter Erreger nimmt erschreckend zu.”

Hubertus Heuel

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Kommentare
15.04.2010
09:10
Die unsichtbare, tödliche Gefahr
von isdochso | #3

1. Der Kampf gegen MRSA ist in Deutschland nicht mehr zu gewinnen.
2. wenn man jeden nach einem positiven Swop-Test beurlauben würde bricht das System zusammen.
3. was ist denn mit dem Rettungsdienst?

15.04.2010
07:17
Die unsichtbare, tödliche Gefahr
von Motte | #2

Die Schweiz ist ein gutes Beispiel dafür, was getan werden kann. Über die im Artikel genannten Alibi-Maßnahmen können die nur müde lächeln!

14.04.2010
10:59
Die unsichtbare, tödliche Gefahr
von NochIstEsFrust | #1

Das ist aber doch wie so vieles in Deutschland wieder nur halbherzig umgesetzt. Wenn man sich schon an den guten Erfolgen in anderen Ländern orientiert, sollte man das konzept doch auch ganz übernehmen. Und nicht nur eine Teilmassnahme. In den Niederlanden wird jeder Patient bei Einlieferung und das gesamte Personal in regelmäßigen Abständen per Swop-Test (Abstrich der Nasenschleimhaut) auf multiresistente Erreger getestet. Infiziertes Personal wird bis zur nachgewiesenen erfolgreichen Behandlung beurlaubt. Da wird nicht auf Verdacht isoliert. Denn es sollte ja einleuchten, das die wahren Infektionsrisiken eher von infiziertem Personal ausgehen, das mit vielen Patienten tag täglich kontakt hat als von der ständig wechselnden kranken Belegschaft. DAMIT haben die Holländer Erfolg.
Aber hier, wie fast immer, nur mal wieder ne halbe sache, bestimmt aus Furcht vor den Kosten, dabei kostet diese nachlässige Handlungsweise Menschenleben. Eben genau das Gut, das durch das Gesundheitssystem doch geschützt werden soll. Toll!

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