Die Spichernstraße ist für Jürgen Paul zum Schicksal geworden

Altenhagen..  Seit vier Jahren hat er seine Wohnung nicht mehr verlassen. Das Atmen fällt ihm ja schon schwer, wenn er vom Wohnzimmer ins Bad geht, aber die Treppen runter zur Haustür und dann womöglich die Straße hinauf oder hinunter: „Das schaffe ich nicht mehr.“ Wäre die Straße nicht so steil, könnte Jürgen Paul (64), der an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung leidet, vielleicht noch einmal ein paar Schritte unter freiem Himmel wagen und die Sonne auf der Haut spüren, aber er wohnt nun einmal in der Spichernstraße, und dieser Umstand ist zugleich ein Urteil für ihn: „Ich kann hier wohl nicht mehr weg.“

Die Spichernstraße in Altenhagen ist eine außergewöhnliche unter den 1358 Hagener Straßen. Sie ist die Straße mit dem stärksten Gefälle, bis zu 28 Prozent fällt sie ab auf ihren 245 Metern zwischen Altenhagener und Neckarstraße. 28 Prozent – das sind nicht unbedingt alpine Dimensionen, aber für die Anwohner doch eine tägliche sportliche Herausforderung: „Stimmt, wenn ich daheim ankomme, bin ich jedes Mal aus der Puste“, nickt Björn Emde, der seine Einkäufe stets in einem Rucksack nach Hause befördert: „Mit Taschen wäre mir das zu anstrengend.“

Auto kracht gegen Litfaßsäule

Anders als in der parallel verlaufenden Treppenstraße, an der kaum Hauseingänge liegen, leben in der Spichernstraße, in der sich die Mehrfamilienhäuser aneinander reihen, viele Menschen. Und das bedeutet für einen Briefträger, dass er viel Post auszutragen hat. Doch die steilste Straße Hagens nimmt Matthias Nickel (24), obwohl er sein Revier mit einem Elektrofahrrad beackert, erst gar nicht in Angriff: „Das wäre viel zu anstrengend und würde zu viel Zeit kosten.“ Lieber lässt er das Rad mit dem Hilfsmotor an der Kreuzung von Spichern- und Siegstraße stehen und trägt die Post zu Fuß aus. Erst wenn er die Spichern­straße abgearbeitet hat, schwingt er sich wieder in den Sattel.

In der kalten Jahreszeit spielen sich auf der abschüssigen Fahrbahn bislang haarige Szenen ab. Bei Glatteis ist die Spichernstraße – benannt nach dem französischen Örtchen Spichern, Schauplatz im deutsch-französischen Krieg von 1870 – auch mit nagelneuen Winterreifen kaum befahrbar. Um die Müllabfuhr dennoch zu gewährleisten, schickt der Hagener Entsorgungsbetrieb an solchen Tagen schon um 4 Uhr in der Frühe ein Räumfahrzeug die Straße hinauf, damit der Müllwagen später freie Fahrt hat. Und wer sein Auto abstellt, der sollte die Handbremse gut anziehen. „Einmal hat sich ein geparktes Auto selbstständig gemacht und ist gegen die Litfaßsäule am unteren Ende der Straße gekracht“, erinnert sich Björn Emde.

Ständige Bergwanderungen

Im Sommer dagegen gerät ins Schwitzen, selbst wer die Straße ganz gemächlich hinaufsteigt. Aber die meisten Anwohner haben sich damit arrangiert, Ursula Höchst sieht in der täglichen Kletterei gar einen sportlichen Aspekt: „Das ist ein gutes Konditionstraining.“ Diese bejahende Sicht der Dinge versuche sie auch anderen Leuten zu vermitteln: „Immer wenn hier jemand stöhnend vorbeikommt, versuche ich, ihn aufzumuntern, und sage: Sehen Sie, jetzt haben Sie es gleich geschafft.“ Jedenfalls habe sie noch nie daran gedacht, in eine andere Straße zu ziehen, um den ständigen Bergwanderungen zu entgehen.

Auch Jürgen Paul will, obwohl ihn die Neigung der Straße an seine Wohnung fesselt, nicht fort. Der schwerkranke Mann versteht sich gut mit seinen Nachbarn, die ihm hin und wieder einen Besuch abstatten und ein wenig Trost spenden in seiner Einsamkeit. „Ich fühle mich ja wohl hier“, sagt er tapfer, „auch wenn diese Straße für mich unüberwindlich ist.“