„Die Briten hatten unsere Brennerei besetzt“

Die Brüder Christoph (rechts) und Peter Evesbusch blicken auf die Zeit, als ihre Brennerei  besetzt wurde, zurück.
Die Brüder Christoph (rechts) und Peter Evesbusch blicken auf die Zeit, als ihre Brennerei besetzt wurde, zurück.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Die Brüder Christoph und Peter Evesbusch blicken auf die Zeit, als ihre Brennerei besetzt wurde, zurück.

Hagen-Haspe.. Irgendjemand scheint die Zeiger angehalten zu haben. Vielleicht war es der Vater. Vielleicht auch schon der Großvater. An diesem Tag ist die Zeit in der Brennerei Eversbusch einfach stehengeblieben. Das mag vor 100 Jahren gewesen sein. Oder auch 30 Jahre später, als drei Jahre lang kein einziger Tropfen Wachholder mehr abgefüllt wurde.

„Besetzungsbefehl - Accomondation Command“ steht über dem Schriftstück, dass das Datum vom 6. Juni 1945 trägt. Christoph und Peter Eversbusch haben es in einer Vitrine aufbewahrt. Es markiert den Beginn einer Zeit, in der in der Brennerei kein Schnaps mehr hergestellt wurde. „Nach dem Einmarsch hatten die Briten das Unternehmen an der Berliner Straße in Haspe besetzt“, sagt Christoph Eversbusch. „In den beiden Wohnhäusern und in der Fabrik hatten sie vor 70 Jahren ihre Kommandantur eingerichtet. Von hier aus wurden Teile des Sauerlands verwaltet.“

Getreide war knapp

Getreide war knapp. „Und wenn welches da war, wurde es verständlicherweise für die Ernährung der Menschen verwendet“, sagt Christoph Eversbusch, „daraus Schnaps zu brennen – das hatte zunächst ­keiner im Sinn.“ Trotzdem gab es Versuche, die Brennerei auch während der Besatzung wieder in Betrieb zu nehmen – allerdings ohne Erfolg.

Die Briten hatten sich in den Wohnhäuser und in der Brennerei breit gemacht. Sie wohnten in den Gebäuden, hatten Büros und eine Kfz-Werkstatt eingerichtet. „Die Familie durfte sich in Räumen unter dem Dach zurückziehen“, sagt Christoph Eversbusch, „wobei man sagen muss, dass es unsere Vorfahren noch gut hatten: Sie hatten ein Dach über dem Kopf, fließend Wasser und sogar Strom. Die Brennerei war durch Bombenangriffe nicht in Mitleidenschaft gezogen worden.“

Dafür belastete ein Rechtsstreit die Familie Eversbusch. Dabei ging es um eine Nachzahlung von Branntweinsteuer in Höhe von 29.671 Reichsmark. „Diese Summe hätte den Betrieb ruinieren können“, sagt Peter Eversbusch. Dabei wollten zunächst die Besatzer, später die Bundesrepublik das Geld nicht etwa für verkauften Wachholder. „Es war am Tag des Einmarschs der Alliierten, als unser Großvater und sein Bruder in den Keller gegangen waren und alle Hähne der Tanks und Fässer aufdrehten“, sagt Christoph Eversbusch, „ausländische Zwangsarbeiter kletterten nach Aussage unseres Großvaters gerade über das Tor.“

Steuererlass hat Firma gerettet

In einer Zeugenaussage ist festgehalten: „Damit wurden auch Ausschreitungen von Betrunkenen gegen andere Personen sowie Zerstörungen an Maschinen und Geräten ausgeschaltet.“

Gerichtlich wurde schließlich entschieden, dass keine Steuer nachzuzahlen sei. „Das hat die Firma gerettet“, sagt Christoph Eversbusch, „bis 1948 gab es ja praktisch keine Einnahmen. Dafür sind zu jener Zeit die Gehälter für sechs Mitarbeiter weiter gezahlt worden.“

Komplett vernichtet waren die Wachholder-Vorräte übrigens nicht. Ein paar Flaschen waren kurz vor Ende des Krieges im Garten des Wohnhauses verbuddelt worden. „Unser Vater wurde als Kind immer mal wieder losgeschickt, um eine Pulle auszugraben“, sagt Peter Eversbusch. Die letzten fand Christoph erst vor kurzem. Als er einen Baum im Garten ausgrub.