Deutsches Handwerk für die Welt

Zu Hause in Breckerfeld wäre es auch schön. Aber Dieter Kirchhoff (74) reist für den Senior Experten Service um die Welt.
Zu Hause in Breckerfeld wäre es auch schön. Aber Dieter Kirchhoff (74) reist für den Senior Experten Service um die Welt.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Der frühere Berufsschullehrer Dieter Kirchhoff aus Breckerfeld war als Senior-Experte in der Republik Moldau, in der Mongolei und in Bangladesch.

Breckerfeld..  Warum tut man sich das an? Wochen in einem abgelegenen Dorf, in dem man sich mit keinem verständigen kann. Der einzige Dolmetscher 25 Kilometer entfernt, dort gibt es das einzige Zimmer im einzigen Haus, das eine Innentoilette mit fließend Wasser hat. Oder: 24 Stunden am Tag feuchte Hitze. Oder: Eine völlig fremde Kultur mit merkwürdigem Essen. Als einziger Deutscher in der Ferne. Ohne Bezahlung.

Dieter Kirchhoff aus Breckerfeld hat sich dafür freiwillig gemeldet. In einem Alter, in dem viele Menschen lieber ein wenig im Garten werkeln. Der 74-jährige frühere Berufsschullehrer (Cuno-Berufskolleg 2 in Hagen) hat in den letzten sieben Jahren ehrenamtliche Einsätze in der Republik Moldau, der Mongolei und in Bangladesch absolviert. Für den Senior Experten Service (SES), der 11800 Fachleute aus 50 Branchen in der Kartei hat, die im Aus- und Inland Fachwissen und Berufserfahrung weitergeben.

Und wieso? Dieter Kirchhoff freut sich, sein Wissen weitergeben zu können: „Das deutsche duale Ausbildungswesen ist überall gefragt.“ Er findet es befriedigend, etwas bewirken zu können, sich nützlich zu machen. Doch das ist es nicht allein: „Ein gutes Stück Neugierde ist auch dabei.“ Auf unbekannte Länder und Verhältnisse. Und die Anfragen kommen eben selten aus Gegenden, wo es alles im Überfluss gibt.

Dass er 2008 nach Moldau kam, ins ärmste Land Europas, hat eine Vorgeschichte: Von 1974 bis 1976, als junger Mann, war Kirchhoff als Berater des Erziehungsministers in Saudi-Arabien. „Ich hatte den Drang, mal wegzukommen von der Schule. Das war damals schon abenteuerlich.“ Danach hielt er Kontakt zu Ex-Kollegen aus Riad. Und einer erzählte vom SES, dass die immer Leute suchten, Rentner. Sein Vorteil: „Berufsschullehrer sind in vielen Fächern einsetzbar.“

Nicht einmal ein Plastikeimer

Dann kam die Anfrage aus Moldau. Drei Wochen Ausbildung von Bauarbeitern unter schwierigen Bedingungen: „Die Lehrer verdienen 100 Euro im Monat, Materialien sind kaum vorhanden. Die hatten nicht einmal Plastikeimer.“ Danach die teilautonome Republik Gagausien. Ausbildung von Textilhandwerkern und Stuckateuren. 2010 und 2011 wieder Moldau. 2013 nochmals. „Ich gehe für drei Wochen, höchstens vier“, sagt Kirchhoff. „Man weiß ja vorher nicht, wie die Situation vor Ort genau ist.“

Und Christa, seine Frau, ist froh, wenn sie ihn mal los ist? So nicht. „Aber ich weiß, dass er es gern macht, dann soll er es eben machen“, sagt sie. „Und ich unternehme auch mal etwas allein.“

Unterdessen konzipiert ihr Mann einen Grundkurs für Fliesenleger und setzt ihn in Ulan Bator praktisch um. „Berufsausbildung gibt es in der Mongolei kaum“, sagt er. „Alle wollen ins Büro.“ Dass einer aus Deutschland anreist, der keine Angst hat sich dreckig zu machen, der selbst anpackt und nicht einmal Geld dafür bekommt – „das glaubt einem erst keiner“, berichtet Kirchhoff.

Vergnügungsreisen unternehmen die Senior-Experten nicht. „Es ist ein strammes Arbeiten“, sagt der Breckerfelder. „Aber am freien Tag ist schon Zeit, sich die Gegend anzuschauen.“ Und ansonsten käme man kaum nach Bangladesch. Auch dort hat sich Kirchhoff um Fliesenleger gekümmert. Um die Ausbildung der Ausbilder. Beim Blick in die Praxis musste der Deutsche allerdings häufig schwer schlucken. „Von Arbeitsschutz ist wenig zu spüren, und von Rationalisierung auch nicht. Die Arbeitskräfte sind einfach zu billig.“

Handwerksmeister sind gefragt

Dennoch erlebt der reisende Helfer Erfolge: „Die Menschen sind dankbar. Und mich befriedigt es, wenn Fehler abgestellt werden.“ Er würde eine Tätigkeit als Senior-Experte weiter empfehlen: „Man darf nicht so zimperlich sein und muss improvisieren können. Aber es lohnt sich.“ Kirchhoff weiß, dass Handwerksmeister überall gefragt sind. Englischkenntnisse sind allerdings meist Bedingung. Ob er selbst weitermacht? Im März ist er aus Bangladesch zurückgekehrt und hatte schon wieder eine Anfrage aus Moldau. Aber 2015 will er nicht mehr. Und 2016? „Mal schauen, wie fit ich noch bin.“ Aber reizen würde es ihn schon noch.

Mehr als 30 000 Einsätze in gut 160 Ländern
Der SES ist die führende deutsche Entsendeorganisation für ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand. Seit über 30 Jahren geben seine Experten weltweit Hilfe zur Selbsthilfe. Bislang hat der SES mehr als 30 000 Einsätze in gut 160 Ländern durchgeführt. Seit 25 Jahren auch in Deutschland.

Unter den derzeit 11819 Senior-Experten in der Kartei sind 1913 Frauen. Das Durchschnittsalter beträgt 70 Jahre. Vor allem in Handwerk und Technik sucht der SES ständig neue Interessenten. Die Experten bekommen nur Reise und Unterkunft bezahlt, sowie ein Ta