Der Wald macht die Stadtkinder ruhiger

Lesen in der freien Natur. Im Waldkindergarten sind die Kinder jeden Tag draußen unterwegs.
Lesen in der freien Natur. Im Waldkindergarten sind die Kinder jeden Tag draußen unterwegs.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Was ist anders in einem Waldkindergarten? Wir haben die Kinder und Erzieher dort einen Tag begleitet. Keine Reizüberflutung, mehr Ausgeglichenheit. Ein Tag im Wald.

Hagen.. An einem Tag hat Erzieherin Gabi Romich mit den Kindern eine große Baumscheibe entdeckt. Als sie den schweren Klotz mit vereinten Kräften umdrehten, saß plötzlich eine Maus vor ihnen auf dem Waldboden. Einen Augenblick nur starrte das verstörte Nagetier die riesigen Kreaturen, die sich über es hinab beugten, mit erschrockenen Augen an, dann flitzte es davon. Ein ebenso kurzes wie eindrucksvolles Intermezzo für die Kinder auf ihrem Marsch durch den Wald.

Tief im Hagener Stadtwald gelegen

Sie sind jeden Tag im Wald unterwegs, Vivienne, Charlotte, Youssef oder Henri. Sie sind im ersten Hagener Waldkindergarten, den die Johanniter Anfang April im Deerth, Kilometer weitab von der Stadt, eröffnet haben. Man muss das Restaurant Waldlust, die beiden Wildgehege, die Drogenklinik der Arbeiterwohlfahrt und die beiden einsamen Forsthäuser passieren, ehe man die tief im Hagener Stadtwald gelegene Tagesstätte erreicht.

Nichts ist zu hören außer Vogelgezwitscher, kein Schrei, kein Plärren, kein Zanken durchreißt die Stille, die Kinder, die ebenso gedankenverloren wie konzentriert unter den Buchen spielen, machen sich kaum bemerkbar: „Sie sind hier keiner Reizüberflutung ausgesetzt und dadurch viel ruhiger und ausgeglichener“, berichtet Christina Seeberger (27), Leiterin des Kindergartens: „Der Aufenthalt im Wald fördert das Sozialverhalten, die kognitiven Fähigkeiten und natürlich das Umweltbewusstsein.“

Derlei pädagogische Analysen sind den Kindern natürlich herzlich schnuppe. Sie sind hier, weil ihre Eltern sie angemeldet haben. Versunken stochern sie mit einem Zweig im Bodenlaub oder schleppen Material für das selbstgebaute Tipi heran. Matthias Schrader (35), Vater von Charlotte (3), wünscht sich, dass seine Tochter ebensoviel frische Luft tankt wie er das einst als Kind im Sauerland durfte: „Ich war immer draußen. Und das hat mir gut getan.“

Klar, auch im Waldkindergarten gelten Regeln. Die Kinder bringen keine Süßigkeiten mit, weil das Wespen, Hummeln und anderes Getier anziehen könnte. Sie lassen kein Papier und erst recht keine Alufolie im Wald zurück, weil das dem Wald schadet. Sie waschen sich mit Lavaerde, einem Tonmineral, das schon im Altertum als Reinigungsmittel bekannt war. Sie schreien nicht, weil das die Tiere im Wald beunruhigen würde. Sie nehmen kein Spielzeug mit, sondern spielen mit den Dingen, die sie in der Natur finden. „Wir sind halt anders gestrickt als andere Kindergärten“, sagt Leiterin Seeberger.

Tag beginnt mit Wetterlagebericht

Es gibt einen Morgenkreis, ein Begrüßungslied und einen Wetterlagebericht. Allerdings halten Regen und Kälte die kleine Gruppe nicht von ihrem täglichen Streifzug durch den Wald ab, vielmehr werden zum Schutz vor der Nässe Regentarps zwischen die Bäume gespannt. Nur wenn es stürmt und schwere Äste abzubrechen drohen, suchen die Kinder die ehemalige Schutzhütte für Waldarbeiter auf, die schon vor 100 Jahren, als man noch nicht in wenigen Minuten mit dem Auto hier oben war, errichtet wurde und die der Wirtschaftsbetrieb Hagen (WBH) in eine heimelige Kita mit Kochnische, Elektroheizung und Sanitärbereich verwandelt hat. Statt Schokopudding wird als Mittagsdessert Obstsalat gereicht.

Manchmal stehen vier Rehe unweit der Tagesstätte im Wald und beobachten, wie morgens ab 7 Uhr die ersten Kinder in der Hütte abgeliefert werden.

Und an den warmen Apriltagen taumelte mittags ein Zitronenfalter durchs Gelände – ein ebensolches Wunder wie die Maus unter der Baumscheibe.