Der Kommissar steht immer wieder auf

Hagen..  Es ist kalt. Auch unter den Füßen. Eine Eisschicht hat sich auf den Drei-Türme-Weg gelegt. Und wenn man diese Wanderung bei solchen Bedingungen mit Kommissar Martin Idel (30) unternimmt, dann liegt der Verdacht nahe, dass man gleich mehrfach auf dem Hosenboden landet.

Denn Martin Idel ist einer der Polizisten, bei denen nicht immer alles glatt gelaufen ist. Es gab Tage in der Karriere von Kommissar Idel, da hing er in der Luft, da lag er auf dem Boden. Wörtlich und im übertragenen Sinne. Aber aufgestanden ist er immer wieder.

Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Erst recht jeder, der sich mit uns auf diesen besonderen Weg durch den Stadtwald macht. Was seine ist? Martin Idel, der im Wach- und Wechseldienst der Polizeiwache Innenstadt arbeitet, überlegt nicht lange: „Im Dienst habe ich bisher viele gute und schöne Sachen erlebt, aber eben auch zwei besonders Negative.“ Pause: „Zweimal hat man versucht, mich im Dienst zu töten.“ Die Schuhsohlen knatschen bei jedem Tritt in den Schnee.

Statistisch gesehen kommt das nah an einen Lottogewinn heran. Wobei diese schwerwiegenden Angriffe sonst nichts gemein haben mit dem großen Los. Außer vielleicht, dass es ebenso ein Glücksfall sein mag, dass Idel noch lebt. „Ich bin ein positiver Mensch. Und wenn man mal von diesen beiden Vorfällen absieht, überwiegen die positiven Erlebnisse in meinem Beruf ja bei Weitem“, sagt der Polizist. Einer, der seinen Beruf als Berufung sieht. Ein Freund und Helfer, der seinen Job so liebt, wie er ist. Weil er mit Menschen zu tun hat, weil kein Tag wie der andere ist.

Aus dem Ruder gelaufen

Der Winterwind bläst uns in die Gesichter. Die positiven Tage mögen überwiegen, die negativen aber haben ihn lange begleitet, sie haben den jungen Polizisten Martin Idel geprägt.

Vorhalle 2007 war das erste Erlebnis, das man dem ärgsten Feinde nicht wünschen mag. „Ein Einsatz“, wie Idel schon fast euphemistisch beschreibt, „der etwas aus dem Ruder gelaufen ist.“ Einer, der im Grunde völlig harmlos begann. „Wir sind wegen einer Ruhestörung gerufen worden.“ Alltag für Martin Idel, der kurz vor seiner Abschlussprüfung stand, und seinen Kollegen.

Sie betreten die Wohnung, geben sich laut als Polizei zu erkennen, finden einen Mann vor, der auf seinem Bett liegt und sich plötzlich wie aus heiterem Himmel auf sie stürzt. Das Pfefferspray wirkt nicht. Es gelingt ihnen nicht, den Angreifer zu fixieren. Martin Idel beißt er sogar in den Oberschenkel. Die Abdrücke der Zähne auf der Haut zeigen sich heute noch. „Im Sommer. Wenn ich ein wenig brauner bin.“

Angriff von hinten

Jetzt ist Winter. Winter auf dem Drei-Türme-Weg.

Idel und sein Kollege ziehen sich aus der Wohnung zurück, wollen Verstärkung rufen. Der Mann folgt ihnen, ohne dass sie es bemerken. Im Treppenhaus attackiert er sie von hinten. Mit einem Messer in der Hand. Er sticht zu. Mehrmals. Die beiden Polizisten erleiden tiefe Wunden. „Als mein Kollege sich am Streifenwagen die Jacke ausgezogen hat, war da überall Blut“, sagt Martin Idel, „ich wollte ihm helfen, war aber so schwer verletzt, dass ich nicht einmal den Kofferraum öffnen konnte, um Verbandszeug zu holen. Der Schmerz war zu groß.“

Martin Idel kann heute über all das sprechen. So leicht wie mitten im Winterwald, wo der Schnee die Äste der Laubbäume bedeckt, ist ihm das nicht immer gefallen.

Auch nicht vor Gericht. Da wurde er, das Opfer, vom Anwalt des Täters in die Mangel genommen. Verkehrte Welt. „Es war mein erster Prozess, in dem ich als Zeuge geladen war“, sagt er, „es ist schon komisch, wenn man erklären muss, warum man sich gegen jemanden wehrt, der sich gerade bei einem im Oberschenkel verbissen hat. Da fragt man sich manchmal, wer eigentlich der Angeklagte und wer das Opfer ist.“ Die Unterstützung durch seinen Chef, durch speziell geschulte Kollegen, durch die Behörde, sagt Idel, das habe ihm geholfen.

Siebeneinhalb Jahre wegen versuchten Totschlags – so urteilt später das Gericht. Genugtuung? „So würde ich das nicht sehen“, sagt Idel, „für mich war es gut, so wenig wie möglich von dem Prozess mitzukriegen. Es war eine Belastung, das alles noch einmal erleben zu müssen.“

Je höher der Weg führt, desto mehr Schnee legt sich auf das Eis. Unten knirscht’s, oben knackt’s. Es sind Äste unter ihrer Last.

Über dem Abgrund

Welche Last ein Polizist so aushalten kann, was er aushalten muss? Kommissar Idel viel. Bahnhofsviertel 2010: Wieder ist es kein ungewöhnlicher Einsatz. Der Besitzer einer Werkstatt versucht vergeblich, einen Junkie von seinem Grundstück zu vertreiben und wird angegriffen. Ein Fall für die Polizei.

Doch wie drei Jahre zuvor: Die Sache eskaliert. Der Mann unter Drogen, ein kräftiger Handwerker, wird aggressiv, beginnt zu schlagen, packt Martin Idel am Oberschenkel und versucht, ihn über ein Brückengeländer in die Tiefe zu werfen. Idel baumelt über dem sechs Meter tiefen Abgrund und kann sich nur mit Mühe am Geländer festkrallen. Sein Kollege setzt Pfefferspray ein. Bei diesem Einsatz wirkt es. Er reißt den Junkie zurück. Dann rettet er Martin Idel. „Es ist unheimlich wichtig, dass man sich im Einsatz aufeinander verlassen kann. Ohne seine Hilfe wäre es auf jeden Fallschiefgegangen. . .“

Martin Idel bleibt unverletzt. Zumindest körperlich. „Am Ende war es Kopfsache, wenn man hinunterblickt und unten dicke Findlinge liegen. . .“ Was ihm geholfen hat, waren wieder die Kollegen vom Betreuungsteam, die sich um Polizisten kümmern, die im Einsatz an Grenzen und darüber hinausgehen müssen. Und natürlich die Familie. Die Eltern, die Freundin. „Es reicht, wenn sie für einen da sind“, sagt Martin Idel, „manchmal ist es auch nur ein gutes Gespräch, das einen wieder aufbaut. Und dabei muss es gar nicht um meinen Beruf gehen.“

Dazu kommen die schönen Momente. „Wenn man Kinder, die sich verlaufen haben, wieder nach Hause bringen kann“, sagt Martin Idel, „oder wenn man als Erster an einen Unfallort kommt und sich um die Verletzten kümmert, wenn man ihnen beistehen kann, in ganz persönliche Gespräche hineinkommt. Wenn man als Helfer gesehen wird, dann weiß man, warum man diesen Beruf eigentlich ergriffen hat.“ Einen Beruf, von dem er schon als kleiner Junge geträumt hat.

Das, was ihm passiert ist, das was er erleben musste, gibt Idel heute an junge Kollegen weiter. Er ist Tutor, kümmert sich um junge Polizisten, die im Wach- und Wechseldienst ausgebildet werden. „Ich habe durch meine Geschichte einen besonderen Blick für bestimmte Dinge entwickelt“, sagt Idel, der sich darüber freut, dass keiner seiner Arbeitstage wie der andere verläuft, „wenn wir zum Beispiel zu zweit eine Wohnung betreten und da liegt irgendwo ein Messer herum, dann räume ich das erst mal an die Seite. Wenn ich die jungen Kollegen nach dem Einsatz frage, ob ihnen das Messer aufgefallen ist, haben sie’s manchmal gar nicht sofort bemerkt.“

Ein fröhlicher Mensch

Aufhören? Schluss machen mit diesem Beruf, der ihn zweimal dem Tod so nahe gebracht hat? Daran hat Martin Idel, der auch in einem Alarmzug Hundertschaften bei Demonstrationen oder Fußballspielen unterstützt, nie gedacht. „Wenn man solche Dinge erlebt, da macht man sich schon seine Gedanken“, sagt Martin Idel, „aber ich bin ein fröhlicher Mensch – versuche, jeden Tag zu genießen.“

Eiszeit auf dem Drei-Türme-Weg. Es ist glatt. Idel fällt nicht, wir fallen nicht. Wir trotzen dem Eis auf den Wegen im Hagener Stadtwald. Und wenn wir gestürzt wären, dann hätten wir uns auf die Füße gestellt und wären weitergewandert.