Der Horror nach der Rocky-Horror-Show in Hagen

Zwei Damen des Reinigungsteams mitten im Chaos, das die Rocky-Horror-Show in Hagen hinterlassen hat.
Zwei Damen des Reinigungsteams mitten im Chaos, das die Rocky-Horror-Show in Hagen hinterlassen hat.
Foto: Mike Fiebig
Was wir bereits wissen
Einmal im Monat fegt die Rocky-Horror-Show über die Bühne im Hagener Stadtheater hinweg. Das Musical von Richard O’Brien verwandelt gut-bürgerliche Besucher in Reis werfende Spaß-Maschinen. Am Morgen danach sieht das Schauspielhaus aus wie nach einer Studenten-Party. Ein Horror für die Putzfrauen? Nein!

Hagen-Mitte.. Die lachen! Kein Spaß: Die lachen wirklich. Sie stehen mitten im Desaster und freuen sich. Worüber? Darüber, dass sie „ihr“ Theater wieder hübsch machen dürfen. Wie sie es immer tun, am Morgen nach der Rocky-Horror-Show.

Mädels, wieso knallt ihr den Besen nicht einfach in die Ecke und werft die Brocken hin? Keiner wäre euch böse. Jeder könnte es verstehen. „Das würden wir nie tun, weil wir dieses Theater lieben. Wir gehören hier genauso dazu wie die Schauspieler. Und wir geben auch immer Vollgas“, sagt Cidalia Bento, die den Musen-Tempel seit über 15 Jahren sauber hält.

Einmal im Monat fegt die Rocky-Horror-Show über das Schauspielhaus hinweg. Das Musical von Richard O’Brien verwandelt gut-bürgerliche Theater-Gänger in Reis werfende Spaß-Maschinen. Breit gebaute Männer im Publikum tragen High-Heels und Strapse und jagen ihren Sitznachbarn mit rosafarbenen Wasserpistolen Bäche in die Ohren. Die Gattin schaltet in den Gaga-Modus und wickelt dem Herrn eine Sitzreihe vor ihr einen Turban aus Toilettenpapier. Der „Mädelsabend“ in der Reihe dahinter unterbricht den Erzähler in einer Tour mit „Boring-Rufen“.

Zuschauer darf im Theater die Sau rauslassen

Leben Spießer hier unterdrückte Neigungen aus? Nein, im Gegenteil: Der Spießer ist beim Theater-Einsauen gar nicht dabei. Das hier ist Kultur für Lebenslustige. So ist das in jedem Theater dieser Welt, das die „Rocky-Horror-Show“ zeigt. Der Zuschauer spielt mit und darf unter dem Deckmäntelchen des Theaterabends mal so richtig schön die Sau raus lassen.

Doch wenn die turmhoch stöckelnden Protagonisten in ihren Fummeln – die es nur in ganz wenige Schlafzimmer schaffen – die Bühne verlassen, sieht das Theater aus wie das dreckige Ende einer guten Studenten-Party. Dann fängt die Horror-Show doch erst richtig an, oder Mädels?

Nur mit Lebensmitteln wird nicht geschmissen

„Ach’ komm, um 9 Uhr sind wir hier fertig“, sagt Bozena Hohberg, übrigens auch schon 17 Jahre im Dienst. Sie duckt sich und verschwindet unter einer der vielen roten Sitzreihen. Der Sauger prustet tapfer vor sich hin. Saugend monoton, mit einem gelegentlichen Prickeln, wenn letzte Reiskörner in den Beutel jagen.

300 Mitmach-Tüten verkauft das Theater im Schnitt pro Rocky-Vorstellung

300 Mitmach-Tüten verkauft das Theater im Schnitt pro Rocky-Vorstellung. Darin findet der Besucher das ganze Arsenal an Wurfmunition. Nur echter Toast für den – Achtung Kalauer – Toast in der Dinner-Szene gibt’s in Hagen nicht. Mit Lebensmitteln wird nicht geschmissen, sagen sie beim Theater. Vernünftig so.

Wenn Frank N. Furter, Herr auf dem Planeten Transsexuell in der Galaxie Transsylvania sein Geschöpf „Rocky Horror“ freilässt, wehen Toilettenpapierrollen durch das Theater. So ganz transsexuell ist die Stimmung am nächsten Morgen nicht mehr. Aber Tristesse herrscht auch nicht. Die Klorollen sind schon alle weg. Der Reis und die Lichtstäbchen auch. Jetzt wird noch gewischt. Fertig.

Für die Putzfrauen klatscht keiner

So ein großer leerer Theatersaal lässt der Fantasie ja schnell Flügel wachsen. Die Bühne. Das Rampenlicht. Der Applaus. Mädels, habt ihr nie davon geträumt, mal selber da oben zu stehen? „Haben wir doch schon, beim Bühnenball. Aber im Ernst: Da putzen wir lieber. Das ist nichts für uns.“ Sie wüssten auch so, dass sie ein kleiner, aber wichtiger Teil des großen Ganzen seien. „Ohne die Schauspieler läuft hier nichts. Ohne die Putzfrauen läuft hier nichts. Für uns klatscht nur keiner.“

Eine taffe Truppe

Übrigens: „I’m going home“ singt das Zwitter-Wesen Frank N. Furter am Ende der schmissigen Sause.Machen die Mädels jetzt auch gleich. Schicht im Saal sozusagen. Die Bühnenbildner haben schon die nächste Kulisse reingeschoben. Schön sauber ist es. Mädels, ihr seid eine taffe Truppe.