"Das Theater hat immer gespart"
20.06.2007 | 09:30 Uhr 2007-06-20T09:30:32+0200Hagen. Der Abgang naht. Jeden Abend wird er etwas endgültiger, immer dann, wenn Noch-Intendant Rainer Friedemann vor den Bühnenvorhang tritt und sich vom Abo-Publikum des Theaters verabschiedet. Das macht er immer so, wenn sich die Spielzeit zum Ende nei
Westfalenpost: Herr Friedemann, mit welchen Gefühlen denken Sie an Ihren Abschied?
Friedemann: Ich weiß, dass ich ein sehr leistungsstarkes Haus hinter mir lasse. Eine volle Spielzeit liegt hinter uns, beispielsweise haben wir den Tannhäuser in kürzester Zeit einstudiert, was ein Beweis für das große Engagement des gesamten Ensembles ist. Das Theater ist zu einem schönen Zuhause für uns alle geworden, ich verstehe mich als pater familias. Zudem habe ich noch gar nicht das Gefühl, dass ich gehe. Ich räume meinen Schreibtisch noch nicht, ich arbeite ganz normal. Zwar verabschiede ich mich momentan vom Publikum, habe aber noch nicht realisiert, dass ich dies zum letzten Mal tue. Der lange Applaus verdeutlicht es mir jeden Abend. Das sind schöne und sehr sentimentale Momente. Ich bin sehr stolz auf das Theater.
Frage: Wie blicken Sie auf Ihre siebenjährige Intendanz zurück?
Friedemann: Es gab sehr schöne, aber auch sehr anstrengende Zeiten, beispielsweise, als ich vor eineinhalb Jahren von der Nicht-Verlängerung meines Vertrags aus der Zeitung erfahren habe. Ich war erschüttert über solche Umgangsformen der Politik. Vom Publikum habe ich in dieser Zeit und auch heute noch sehr liebevolle Reaktionen erfahren. Halt habe ich in der Arbeit gefunden, in die ich mich gestürzt habe.
Frage: Hegen Sie wegen besagter Umgangsformen Groll gegen Hagener Kulturpolitiker?
Friedemann: Groll...? Nein. Es gibt Personen im Rathaus, die meiner Meinung nach noch lernen müssen. Ich war eingebettet in leidenschaftliche Arbeit, ins Theater und umgeben von Menschen, die mich aufgefangen haben. Ich habe keine Zeit gehabt, einen Groll aufzubauen.
Frage: Die Nicht-Verlängerung, der Vorwurf, den Sparkontrakt nicht eingehalten zu haben - zu all diesen Geschehnissen haben Sie sich nie öffentlich geäußert. Weshalb?
Friedemann: Das sind alles Interna, die meiner Meinung mit den Verantwortlichen, nicht aber in der Öffentlichkeit beredet werden sollten. Zum Sparkontrakt und dem Vorwurf, dass ich unwirtschaftlich gearbeitet habe: Das war Rufmord. Das Theater hat immer gespart, das ist im Actori-Gutachten nachzulesen. Auf den Kontrakt wurde damals das Berger-Gutachten aufgestülpt (Unternehmensberater Roland Berger hatte für die Stadt im Jahr 2003 ein Gutachten mit einem Sparvolumen von mittelfristig 50 Millionen Euro vorgelegt, Anm.). Diese Kalkulationen haben statistische Differenzen im Theaterhaushalt bedingt, und die sind in die Öffentlichkeit gekommen. Ich habe mich deshalb nie geäußert, weil ich dem Theater keinen weiteren Schaden zufügen wollte. Wenn ich in der Öffentlichkeit zerfetzt werde, fällt das immer auch auf das Haus zurück.
Frage: Was planen Sie für Ihren Abschied? Werden Sie offiziell im Rathaus auf Wiedersehen sagen?
Friedemann: Ich bin vor sieben Jahren von Bürgermeister Thieser und Kulturdezernent Vossmann eingestellt worden, die sind beide nicht mehr im Amt. Seitdem habe ich sechs Dezernenten erlebt, die sich bemühten, aber nur bedingt Ahnung von Kulturpolitik hatten. Das hat mich sehr viel künstlerische Arbeitszeit gekostet. Ich bin hier im Theater zu Hause, hier sind die Menschen, die mir wichtig sind.
Frage: Wie sieht Ihre Zukunft aus?
Friedemann: Erst einmal werden meine Familie und ich nach Kassel umziehen. Meine Frau hat all die Jahre dort gearbeitet. Alles andere verrate ich nicht, nur so viel: Ich werde mich nicht zur Ruhe setzen. Ich arbeite seit 35 Jahren als Regisseur, während meiner Intendanz hier habe ich bewusst auf Gast-Inszenierungen verzichtet. Jetzt ist mein Wandertrieb wieder da.
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