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Das Schicksal von Altenhagen

23.05.2012 | 11:00 Uhr
Das Schicksal von Altenhagen
Die Wittekindstraße in Altenhagen.Foto: Michael Kleinrensing

Altenhagen.   Altenhagen war früher ein feines Fabrikantenviertel, in dem große Industrielle ihren Wohnsitz hatten. Heute verfallen Teile des Quartiers mit den einst prächtigen Gründerzeithäuser. Eine Bestandsaufnahme.

Der Verfall wird an vielen Orten des Quartiers offenbar. Schmuddelige Straßenzüge links und rechts, ungepflegte und heruntergekommene Fassaden, Müll und anderer Unrat, den irgendwer an der Ecke hat stehen lassen. Wittekindstraße, Altenhagen: Erst vor Tagen wurde durch den Fund einer Frau, die fünf Jahre lang unbemerkt tot in ihrer Wohnung lag , wieder ein unrühmliches Licht auf den einst so stolzen Hagener Stadtteil geworfen.

Dabei ist Altenhagen so etwas wie die Keimzelle für die Großstadt Hagen, der älteste Stadtteil. Hier liegen die Ursprünge für die Besiedlung des Hagener Stadtgebiets. Hier gibt es auch heute noch gut bürgerliche Gegenden, zum Beispiel am Ischeland. Aber eben auch eine Reihe von abgewirtschafteten Straßenzügen. Altenhagen war ehemals ein Fabrikantenviertel, wo viele große Industrielle der Stadt ihren Wohnsitz hatten. Durch die geringe Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sind viele Gründerzeithäuser erhalten. Fast 70 Jahre nach Kriegsende drohen sie nach und nach zu verfallen.

„Wer schlau war, hat seinen Haus vor 20 Jahren verkauft“

Altenhagen trifft ein Schicksal, wie es einige Viertel deutscher Städte getroffen hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten sich die Wohnstrukturen. Sozial benachteiligte Familien zogen zu, der Anteil von Sozialhilfeempfängern stieg. Außerdem gab es einen starken Zuzug von Migranten. Parallel veränderte sich die Eigentumsstruktur. Viele der alten Eigentümer verkauften ihre Häuser – oft weit unter dem Verkehrswert.

Die neuen Eigentümer investierten nicht mehr ausreichend in die Gebäude, entweder weil sie es finanziell nicht konnten oder es nicht wollten. Eine Abwärtsspirale war in Gang gesetzt. Der Bevölkerungsschwund, unter dem Hagen überproportional zum Bundesschnitt leidet, tut sein Übriges. Denn Viertel, die heruntergewirtschaftet sind, haben mehr Leerstände als gut situierte Quartiere. In halb leer stehenden Mietshäusern bleibt von dem bisschen Mieteinnahme für den Eigentümer kaum etwas übrig, um das Nötigste an Instandhaltungsmaßnahmen zu finanzieren.

„Wer schlau war, hat seinen Haus vor 20 Jahren verkauft“, sagt Bernhard Mertens, selbst Eigentümer einer großen Wohnung in einen gepflegten Haus an der Wittekindstraße. Eigentlich hängt Mertens am Stadtteil Altenhagen. Schon seine Mutter hatte hier eine Eigentumswohnung. „Der Stadtteil hat sich immer weiter nach unten gewandelt“, sagt er und beklagt einen Kulturverfall, der um sich greife. „Hier wird der Müll oft einfach nur an die Straße gestellt.“

Mit Polizei, Ordnungsamt und anderen Behörden bei der Stadt Hagen hat Mertens bereits ausführliche Korrespondenzen geführt. Viel zu selten sei nachhaltig etwas geschehen. Dass jetzt entlang der Wittekind­straße die Gehwege saniert werden, „grenzt ja schon an ein Wunder“, stellt er ernüchtert fest. „Altenhagen hat keine Lobby. Das Viertel wird übersehen.“

„Es ist hier alles andere als furchtbar"

Diesem Vorwurf widerspricht Bezirksbürgermeister Jürgen Glaeser . Es gebe Initiativen, den Problemzonen des Stadtteils zu helfen. Dass man damit eine Umkehr der Abwärtsentwicklung erreichen könne, daran sei aber nicht zu denken. „Als Stadt selbst sind wir zu klamm, um zum Beispiel Immobilienbesitzern mit Zuschüssen Anreize für Investitionen zu geben.“

Durch EU-, Bundes- und Landesprogramme sei aber Geld nach Altenhagen geflossen, mit dem Sinnvolles angestoßen worden sei. Manche Elemente dieser Programme wirken weiter: Zum Beispiel das Altenhagener Stadtteilforum, das Jugendzentrum oder Sprachförderprogramme für Migranten. „Ich denke, dass es sich im Großen und Ganzen um einen liebenswerten Stadtteil handelt.“

Das sagt auch Heinz-Michael Hußmann, der seit Jahrzehnten ein Küchenfachgeschäft an der Adolfstraße unterhält. Um ihn herum sind sie alle nach und nach verschwunden: der Gärtnereibetrieb, der Metzger, der Bäcker oder der Schneider. „Das ist sehr schade und tut dem Stadtteil auch sicher nicht gut.“ Bei allen strukturellen Problemen, die er fast täglich erlebt, zieht er gleichwohl ein positives Gesamtfazit: „Es ist hier alles andere als furchtbar. Wir leben doch ganz gut nebeneinander und miteinander.“

Boris Schopper



Kommentare
25.05.2012
08:55
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Name von Moderation entfernt | #10

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

24.05.2012
19:12
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von ex-altenhagener | #9

Ich bin in Altenhagen (rechts der unteren Boeler Str.)groß geworden, und bis vor Jahren wäre ich niemals auf die Idee gekommen, da weg zu ziehen.
Im Laufe der Zeit, hat sich das Umfeld ( Häuser und Menschen ) so zum negativen verändert, das ich da einfach weg mußte. Den Unterscheid zwischen mein und dein,
sauber und dreckig ( Plastiktüten mit Hausmüll einfach irgendwo abstellen oder in die Büsche werfen, sind an der Tagesordnung) ist in Vergessenheit geraten.

Zwei Jahre nach meiner Auswanderung bin ich dann mal wieder durch Altenhagen gefahren. Es war die schnellste und wohl die letzte Fahrt durch Altenhagen.

Grüße von der Gersprenz

24.05.2012
18:44
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von mensch05 | #8

Jedesmal, wenn ich über die Hochstraße zum Bahnhof fahre, wird mir schlecht.
Klein-Istanbul, enge Straßen, unübersichtliche Verkehrsführung, dreckige Häuser mit aberwitzigen "Kulturvereinen". Wer bitte schön, fühlt sich denn dort wohl?
Man muss also noch nicht einmal nach Altenhagen reinfahren, um einen Schock fürs Leben zu bekommen. Reißt die Hochstraße ab, pflanzt Bäume, schafft Grünflächen, macht den Mülll weg, teert die Straßen neu und - liebe Stadtverwaltung - schafft Anreize zum Sanieren der Fassaden. Oh man - diese dreckigen Fassaden in Hagen machen mich so depri ...

24.05.2012
11:46
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von fuffzigpfennig | #7

"Keimzelle" kann man auch gut auf eine aus heutiger Sicht treffendere Eigenschaft Altenhagens beziehen. ;-) Wie anspruchslos muss man sein, um diesen trostlosen Ort als "liebenswert" zu bezeichnen?

In den 90ern habe ich viel in Altenhagen "verkehrt" und damals schon menschliche Abgründe kennengelernt, heute betrachte ich ihn nur noch aus dem verriegelten Auto heraus, wenn ich nicht gerade einen Umweg um Altenhagen herum nehmen kann. Allein der Anblick Altenhagens bewirkt schon eine schlechte, bedrohliche und traurige Stimmung. Da fühle ich mich teilw. in der Dortmunder Nordstadt noch wohler.

Den ganzen Stadtteil abreißen und der Natur zurückgeben wäre das einzig richtige. In ein paar Jahren werden da noch nicht mal mehr die Menschen wohnen wollen, die u.a. für seinen Verfall verantwortlich sind.

24.05.2012
10:49
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von Medley | #6

Hagens Zukunft kann man sich anderweitig schon mal anschauen. Einfach bei YouTube "Abandoned" und "Detroit" eintippen, Valium einwerfen und geniessen.

LINK: http://www.youtube.com/watch?v=gbLBkThLOnM
LINK: http://www.youtube.com/watch?v=LTQFtNLvcl8&feature=related

24.05.2012
10:27
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von MacB | #5

Solange der Stadtentwicklungsausschuss andere Aufgaben, wie z.B. die Behinderung des Verkehrs (Tempo 30 Zone in der CIty) für wichtiger hält als das Zusammenleben der Menschen in Ihrem Umfeld, wird sich wohl nichts ändern. Als mein Ur-Opa im aufstrebenden Hagen nach der Jahrhundertwende (18./19) in bahnbrechender Architektur aus Stahlfachwerk die Häuser Wittekindstr. 2 und 4 bauen ließ war die Welt noch in Ordnung. Aber da gab es ja auch noch das königlich bayrische Amtsgericht.....
Übrigens i(oxofmi) in Bruck an der Mur haben sies endlich geschafft eine ähnlich grausame Hochbrücke ab zu reissen.

24.05.2012
07:20
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von oxofrmbl | #4

Leute, Altenhagen hat doch die Brückenkunst, wenn das mal keine Aufwertung ist, da wurde jeder Cent an der richtigen Stelle investiert!!!

23.05.2012
21:00
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von Radfahrer | #3

In Altenhagen sind so viele Nationalitäten hingezogen, die wissen nicht das es Mülleimer gibt. Denn sonst wäre nicht so viel Dreck auf den Straßen und Bürgersteigen. Die Hausbesitzer und die Mieter kümmern sich nicht um den Dreck der vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig liegt. Dabei sind sie verpflichtet den Bürgersteig sauber zu halten. Da sollte sich das Ordnungsamt mal darum kümmern und den Hausbesitzern eine Geldstrafe zukommen lassen. Aber das ist bestimmt wieder mit Arbeit verbunden.
Die Geldstrafe können die Hausbesitzer ja auf ihre Mieter umlegen.
Ein sauberes Altenhagen ist auch schon viel wert.
Das wird auch einer der Gründe sein warum so viel Leerstand an Wohnungen hier besteht. Wer wohnt den gerne im Dreck, nur diejenigen die es nicht anders kennen und denen es egal ist.

3 Antworten
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von astrah | #3-1

@ Radfahrer // Woher wissern Sie soviel aus Altenhagen? Wohnen Sie dort ? Dann bitte helfen das zu ändern was Sie meinen zu kennen. Straßenzüge mit unsauberen Gegenden gibt es in vielen Stadtteilen. @ Herr Schopper, scheren Sie nicht wegen eines Vorfalls den ganzen Stadtteil über einen Kamm. Bitte ermitteln Sie genauer bei Ihren Berichten.

Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von annaberg | #3-2

warum sollen wir den bürgersteig sauber halten unsere landesfremden mitbürger
haben das ind 5 - 10 min. wieder verdreckt.

Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von Petershans | #3-3

Radfahrer hat doch recht, nur keiner will es sagen. In Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil (Altenhagen, teile von Wehringhausen und Haspe) sind überdurchschnittlich stark vermüllt. Das alles kann natürlich auch Zufall sein...oder der Grund.

23.05.2012
20:23
Ischeland und Bahnhof
von bearny | #2

Die Gegend um das Ischeland ist tatsächlich schön und (zum großen Teil) lebenswert.
Je weiter man jedoch Richtung Bahnhof voran kommt, je schlimmer wird es.
In manchen Ecken möchte ich abends lieber nicht vor die Tür gehen, und an besonderen Orten nicht einmal begraben sein. Hier macht sich dann die demographische Entwicklung besonders bemerkbar: Wer konnte, ist schon lange weg.
Und vom Rest kann man nur hoffen, daß man diese nicht auf einmal als neue Nachbarn hat, sonst muß man noch in de MK ziehen,....

1 Antwort
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von astrah | #2-1

@ bearny / Emst ist auch sehr schön aber je weiter man in Richtung......wird es immer schlimmer. Es gibt aber auch Menschen die an besonderen Orten begraben worden sind. Sie wollen sicher in MK begraben werden. Da sind keine besonderen Orte.

23.05.2012
17:38
Abstieg der Keimzelle für die Großstadt Hagen
von spatzenfreund | #1

schön, dass ich nicht der einzige bin, dem auffällt, dass altenhagen zum rechtsfreien raum degeneriert ist. besser wäre es, wenn das ordnungsamt mal tätig würde, müll und hundehaufen gibt es dort genug....

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