Dart-Boom – Erklärungsversuch in einer Hagener Kneipe

Tom Kolbe nimmt Maß: „Es sind die Geselligkeit und der Sportaspekt, die den Dart-Sport ausmachen.“
Tom Kolbe nimmt Maß: „Es sind die Geselligkeit und der Sportaspekt, die den Dart-Sport ausmachen.“
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Millionen-Einschaltquoten beim Dart. Der Organisator der Hagener Dartliga erklärt, warum das Pfeilewerfen aktuell so populär ist. Ein Gespräch an der Scheibe.

Hagen-Mitte.. Fußball ist nicht immer 7:1 gegen Brasilien. Aber selbst, wenn’s mal 0:0 ausgeht, dann sind immer noch genug Sachen passiert, über die noch drei Tage später an den Imbissbuden der Republik diskutiert wird. Was davon hat Darts? Warum schlackern selbst die Verantwortlichen des TV-Senders Sport1 beim Blick auf die Einschaltquoten der gerade ausgeworfenen Weltmeisterschaft mit den Ohren? Eine Million Zuschauer. So viele gucken sonst drei Basketballübertragungen. Und zwar insgesamt. Die Sportart boomt. Ein Erklärungsversuch in der Kneipe „Overtime“ auf der Springe.

Tock, tock, piuuuuu. Die ganze Ecke blinkt und dudelt. Und sie spricht. „Double twenty“. Tom Kolbe schreitet an die Scheibe und zieht die Pfeile heraus. „Was früher Kegeln war, ist heute Darts“, sagt er. Er deutet auf eine Sitzecke. „Der sportliche und der gesellige Aspekt sind es, die so vielen Spielern Spaß bringen. Man bringt auch einfach seine Freundin mit. Die spielt dann nämlich auch.“

Was irgendwann mal nur lockeres Rumgewerfe in irgendwelchen Spelunken gewesen ist, hat einige treffsichere Männer des Kontinents stinkreich gemacht. Phil Taylor zum Beispiel. Wenn der 54-jährige Brite mit dickem Bauch und tätowierten Armen im Alexandra Palace in London – eine Art Riesen-Taverne – vor die Dartscheibe tritt und an guten Tagen mit nur neun Würfen seine Sätze beendet, rasten 10 000 Besucher völlig aus. Es gibt Deutsche, die dort extra hinfahren. Auch Hagener. Ist das immer noch Nischen- oder Spelunken-Sport?

Stinkreiche Profis

Im „Overtime“ an der Springe, wo wir nicht zufällig sind, lautet die Antwort ganz klar: Nein. Inhaber Tom Kolbe ist gleichzeitig Organisator der Hagener Dartliga. Rund 600 Spieler sind darin in 83 Teams organisiert. Gespielt wird in Hagen in vier Ligen. Von hier kommen sogar zwei Bundesliga-Teams. Der DC Camelfighter und der DC Zufall.

„Auch Deutsche Meister stammen aus Hagen“, sagt Kolbe und schiebt ein definitives „Ja“ hinterher. Ja, Darts sei ein Sport, auch wenn viele Nicht-Darter gern das Gegenteil behaupten würden. Es gebe Spieler, die genau so besessen an ihrer Wurftechnik feilten wie Marco Reus an seinen Freistößen oder Dirk Nowitzki an seinen Dreiern. Oder eben Phil Taylor, der einem Tausendfüßler aus wenigen Metern in das Bein Nummer 512 werfen könnte, wenn man das denn von ihm verlangen würde.

Vielleicht, so vermutet Tom Kolbe, ist die Kneipe an sich noch der letzte Makel, der dem Darts-Sport noch mehr Zulauf verwehrt. Wobei die Kneipe doch beim Fußball auch super funktioniert. Also auch kein Argument . . .

Sabine Oehlert ist die Lebensgefährtin von Tom Kolbe. Sie ist Wirtin im „Overtime“. Gelegentlich wirft sie mit. „Es gibt viele Frauen in der Hagener Dart-Szene. Ich würde sagen, rund 30 Prozent der Spieler sind weiblich.“

Schnelle Fortschritte an der Scheibe

Die Übertragungen im TV würden der Basis gut tun, mein Tom Kolbe. In Holland und England habe Darts einen noch viel höheren Stellenwert. „Da findet man auch keine elektronischen Scheiben“, sagt er. Dort spiele man Steel-Dart, also auf Dartboards mit Stahlspitzen.

Das Rezept ist also einfach.

Geselligkeit trifft Sport.

Dazu, so sagt Kolbe, das bestärkende Gefühl mit jedem Mal, wenn man vor die Scheibe tritt, ein Stückchen besser zu werden. So hat Phil Taylor auch mal angefangen. Heute gucken fast eine Million Menschen, wenn er tut, was er so tut.

Tock, tock, piuuu.

Lust auf ein Spielchen?