Bilder kehren zurück

Hagen vor 70 Jahren/Luftkriegstagebuch vom 19. März. „Um 10.30 Uhr kreisen Jabos über dem Stadtteil Haspe. Sie werfen vereinzelt Bomben auf das Gussstahlwerk Wittmann und auf den Bahnhof Harkorten.“ – Eine kurze Mitteilung, aber sie bringt mir tragische Bilder zurück ins Gedächtnis. Gerade einmal neun Jahre war ich alt, als ich mit mehreren Personen auf der Silscheder Straße in Berge am Knapp, unweit der Hagener Stadtgrenze, stand und diesen Angriff aus sicherer Entfernung beobachten konnte. Es gab „akuten Alarm“, doch noch vor dem Sirenengeheul streiften die Jabos im Tiefflug am Himmel herum.

Jabos waren amerikanische Jagflugzeuge, mit einer Bombe und mehreren Gewehren bestückt. Wir fürchteten uns sehr, denn sie waren im Tiefflug plötzlich da und schossen auf alles, was sie antrafen. Nicht nur militärische Ziele, sondern auch Zivilisten (Bauern auf dem Feld und Menschen im Garten) und Pferdefuhrwerke griffen sie an. Wir auf der Straße sahen, wie ein Jabo über Haspe zum Sturzflug ansetzte und seine Bombe auslöste. Die anschließende Detonation war deutlich zu hören.

Stunden danach verbreitete sich bei uns am Knapp die Nachricht, dass einer unserer älteren Spielkameraden, Lehrling in der Modellschreinerei Gussstahlwerk Wittmann, bei diesem Angriff vor besagter Werkstatt getötet wurde. Voller Verzweiflung warf uns seine Mutter noch Spielsachen aus dem Fenster ihrer Wohnung im Gemeindehaus zu. Nur wenige Tage später erschien eine Abordnung, um Friedel Mörken, der dem Einberufungsbefehl nicht gefolgt war, persönlich zu holen. Frau Mörken beschrieb den Männern daraufhin den Weg zum Volmarsteiner Friedhof. Denn dort könnten sie ihren Sohn antreffen.

Am 14. April krochen die ersten amerikanischen Panzer die Vogelsanger Straße hoch zum Schmandbruch. Es fiel so gut wie kein Schuss mehr. Wir atmeten alle auf, dass die Angst vor den Jabos vorbei war.