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Beim Männerbund Hagena sind Frauen tabu

12.02.2010 | 06:36 Uhr
Beim Männerbund Hagena sind Frauen tabu

Hagen. Die Mitglieder des Männerbundes Hagena treffen sich regelmäßig in ihrer "Burg" in der Kramberstraße. Die gestandenen Männer - 34 an der Zahl - geben sich Ritterspielen hin, reden über Kunst, Humor und Freundschaft. Aber niemals über Politik, Religion und Frauen.

In Hagen steht eine Burg. Sie hat keine Zinnen, sondern ein Flachdach, weshalb auch niemand auf den Gedanken käme, der Pavillon in der Krambergstraße könne das Domizil veritabler Ritter sein. Und die Herren, die dort zu abendlicher Runde zusammentreffen, nennen sich denn auch Schlaraffen, tragen bunte Kleider und führen Narrenkappen spazieren. Sie trinken Bier und sind guter Laune. Karneval also, was sonst.

"Zoten gehen gar nicht."

Die Schlaraffen treffen sich einmal pro Woche in ihrer "Schlaraffenburg", dem im Stil eines mittelalterlichen Rittersaales ausgestatteten Vereinslokal, zu Sippungen.

„Mit den Karnevalisten möchten wir eigentlich nicht auf eine Stufe gestellt werden", korrigiert Hinrich Rahmann (73), emeritierter Professor für Zoologie und Neurobiologie. „Die Freude an der Kunst - in arte voluptas - ist unser Leitmotiv. Zoten gehen gar nicht." Rahmann heißt hier auch nicht Rahmann, sondern Ritter Zoo-oh-Flax, eine Anspielung auf seinen Beruf und den ihm eigenen Humor.

Die anderen Schlaraffen-Ritter tragen ebenfalls höchst sonderbar klingende und doch treffende Titel: Phönix der wehrhafte Magister ist im richtigen Leben der Oberstudienrat Hans-Norbert Frimmel, Pillo der Überzogene alias Karl-Peter Behrens hat früher in der Pharmaindustrie gearbeitet.

Der Uhu als Inbegriff von Tugend und Weisheit

Aber was das richtige Leben ist, das in der Schlaraffia oder das außerhalb (in der Profanei), darüber wird man sich mit einem Schlaraffen wohl nie einig. Wer diesem Männerbund beitritt - der Hagena, dem Hagener Reych, gehören derzeit 34 Mitglieder an, allesamt unbescholten und in „gesicherter Position" -, hält Einzug in eine Art Paralleluniversum. Uhuversum nennen es die Schlaraffen selbst, denen der Uhu als Inbegriff von Tugend und Weisheit gilt.

All diese gestandenen Männer genieren sich nicht, den präparierten Uhu an der Wand mit großem Ernst zu verehren, indem sie ihm Treue geloben und sich devot vor dem Vogel verneigen. Wie gesagt, Schlaraffia ist ein Paralleluniversum.

Es ist alles Parodie

Gegründet wurde die Schlaraffia 1859 von Künstlern und Intellektuellen im damals zum Deutschen Bund gehörenden Prag. Die Vereinigung sollte das als unerträglich empfundene, blasierte Gehabe der adligen Kreise, die seinerzeit die Gesellschaft dominierten, persiflieren. Deshalb die buntgescheckten Umhänge („Rüstungen") und die eigenwilligen Kopfbedeckungen („Helme"), deshalb die Ämter, Würden und Ehrungen, die schlaraffische Zeitrechnung (wir befinden uns im Jahr 151, im Monat Hornung), die strenge Hierarchie, die vom Pilger über den Knappen und Junker zum feierlich-heiteren Ritterschlag führt, deshalb die pompösen Zeremonien auf den Sippungen, den wöchentlichen Treffen, und deshalb die affektierte, obsolete Sprache. Bei den Schlaraffen ist alles Parodie.

Die Amtssprache im Uhuversum ist Deutsch

Diese Zusammenkünfte werden nach festgelegtem Zeremoniell in Form eines Ritterspieles mit wohldurchdachten Regeln abgehalten.

11 000 Schlaraffen gibt es weltweit, sie sind in „Reychen" organisiert. Deutsch ist überall Amtssprache im Uhuversum, selbst in Japan und Amerika. Die Hagena, blau-gelb uniformiert, erblickte 1912 das Licht der Welt, ihr Nährboden war die Industrialisierung des Volmetals.

Doch anders als in den Gründungszeiten wird die Vereinigung nicht mehr von Künstlern dominiert. Erwin Drieß (Ritter Ariolo der Hofsänger), bis 1993 Bassist am Hagener Theater, bildet die Ausnahme, die meisten Schlaraffen sind heute Kaufleute, Ärzte, Juristen und Handwerker.

Ein reiner Männerbund - und das soll so bleiben

Frauen haben bei den meisten Sippungen, wie die Schlaraffen ihre Zusammenkünfte bezeichnen, nichts zu suchen. „Wir sind ein reiner Männerbund, und das wollen wir auch bleiben", betont Windsör der keramische Angelsachse bzw. der Exportkaufmann Erhard Windhövel, der eine Weile in London zugebracht hat.

Überhaupt gibt es auf den Sippungen drei Tabuthemen. Nicht nur über Frauen wird nicht gesprochen und gelacht (bis auf die Schwiegermutter eines Schlaraffen, die heißt „Burgschreck"), auch nicht über Politik und Religion. „Damit würden wir uns nur in die Wolle kriegen", so Hinrich Rahmann. „Wir befassen uns lieber mit Kunst, Humor und Freundschaft."

Jeder kann in die Rolle des Künstlers schlüpfen

Bei ihrem Mummenschanz in der Hagena-Burg beschäftigen sich die Schlaraffen mit Musik und Literatur, mit Dichtung und Wissenschaft. Jedes Mitglied kann hier seiner Spiellust frönen und in die Rolle des Künstlers schlüpfen - mit einem Gedicht, einem Vortrag, einem Lied. Mit seiner schönen Bassstimme singt Ritter Ariolo das Westfalenlied, und der Architekt Werner Knauth, Perfekt der Stil(l)volle, nimmt die Bedeutung der Heimat unter die Lupe.

An der Wand hängen die Wappen der Hagena-Schlaraffen, daneben der Uhu, und dann, schwarz gerahmt, die Wappen der verstorbenen Ritter. Es wird gefeixt, schwadroniert und gewortdrechselt, die Ritter machen Bücklinge voreinander und üben sich in der hohen Schule der Schlagfertigkeit. 2528 Sippungen hat es seit der Gründung vor 98 Jahren gegeben, jede ist im Schmierbuch dokumentiert, die Schlaraffen sind, was das Protokoll angeht, peinlich genau.

Und es gelingt ihnen tatsächlich, den ganzen Abend lang nicht über Politik und Frauen zu sprechen.

Informationen und Kontakt unter : http://www.schlaraffia-hagena.de/

Beim Männerbund Hagena sind Frauen tabu

Hubertus Heuel und Michael Kleinrensing (Fotos)

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