Beim Kreuz geht es um die Existenz

Was ist das Kreuz für mich? Das Bild zeigt Kunstwerke von Hildegardis-Schülern in der St. Michael-Kirche Wehringhausen.
Was ist das Kreuz für mich? Das Bild zeigt Kunstwerke von Hildegardis-Schülern in der St. Michael-Kirche Wehringhausen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
In Wehringhausen in der St. Michael-Kirche läuft derzeit die Ausstellung „Was ist das Kreuz für mich?“ Schüler des Hildegardis-Gymnasiums haben sich mit dem Thema intensiv beschäftigt.

Hagen-Wehringhausen.. Das Kreuz lässt uns nicht kalt. Denn wenn es um das Kreuz geht, dann geht es um die Existenz. Um Leben und Sterben, um Gott und die Menschen, um Hoffen und Leiden. „Junge Menschen sind auch im digitalen Zeitalter alles andere als gedankenlos“, sagt Ellen Pott, Kunstlehrerin am Hildegardis-Gymnasium: „Geben wir den jungen Menschen eine Chance, hören wir ihnen zu.“

Oder schauen wir uns an, was das Kreuz ihnen bedeutet. Für die Ausstellung „Was ist das Kreuz für mich?“ mussten die Schüler der Jahrgänge 10 und 11 Farbe bekennen. Im künstlerischen, aber auch im übertragenen Sinne. Sie schufen Kunstwerke, die Bekenntnisse sind. Das Kreuz von Tobias Palmowski erhebt sich aus einem diffusen Dunkel, Jesus hat den Kopf vom Balken gelöst, aber er bleibt an Bindfäden gefangen. Die Auferstehung ist nicht vollendet, soll das heißen. Um den Erlöser von den Fesseln zu lösen, muss sich zuerst die Kirche, müssen sich die Menschen ändern.

Alte Kreuze von der Oma

„Heute haben wir einen Papst, der anfangen muss seinen Laden aufzuräumen und dies auch tut“, hat der Schüler dazu in nur scheinbar respektlosem Diktum geschrieben. Sein Bindfaden-Jesus ist auch ohne erläuternde Worte eine viel sagende Skulptur mit künstlerischer Eigenmacht, doch Kunstpädagogin Pott hat von allen Schülern verlangt, ihre Gedanken zu verschriftlichen, um den Werkprozess zu reflexieren.

Berührungsängste hat die Jugend von heute nicht, nein. Die alten Kreuze, die ihnen Schulseelsorger Christian Haase zur Verfügung gestellt hat – Kreuze, die nicht in Gebrauch sind, Kreuze von der Oma, aus der Schulkapelle, von Bekannten, aus Schubladen – haben die Jugendlichen ihrem persönlichen Gestaltungswillen unterzogen und das Holz übermalt und umhüllt, zerlegt, deformiert, verfremdet, dekoriert und collagiert. Susan Malcherczyk hat sogar den Korpus vom Kreuz abgenommen – zum Entsetzen ihrer Lehrerin: „Das hätte ich nicht gekonnt“, gibt Ellen Pott zu. „Für mich wäre das ein Vergreifen, aber die heutige Generation hat diese Hemmschwelle nicht mehr.“ Früher wäre es wohl auch nicht möglich gewesen, Homosexualität in Zusammenhang mit dem Kreuz zu bringen. Mike Thiele, Lukas Quaiser, Moritz Genuit und Jonas Kurth haben goldene Kreuze auf rosalackierte Keilrahmen mit grünen Sprenkeln drapiert. Jesus ist auch für die Schwulen gestorben, die Kirche soll sich den Randgruppen öffnen, lautet die dahinter stehende Forderung.

Gefälliges und Groteskes

Bei den im Unterricht entstandenen Werken findet sich das Gefällige neben dem Grotesken, das ­Ästhetische neben dem Abstrakten, das betont Plakative neben dem symbolisch Überfrachteten. Immer aber hat die Beschäftigung mit dem Kreuz die Schüler zur intellektuellen Durchdringung religiöser Inhalte gebracht, deren Verbildlichung ja auch die Kirche jahrhundertelang geschätzt hat. Das kunsttheoretische Rüstzeug gab ihnen die Lehrerin mit auf den Weg. Ellen Pott machte ihre Schüler mit Joseph Beuys bekannt („Wenn man den Geist nicht geweitet hat, kann man nicht grenzüberschreitend arbeiten“) und ließ sie das Kreuz mit geschlossenen Augen aufs Papier werfen: „Weil sie dann spüren, wie sich das Waagerechte mit dem Senkrechten kreuzt und weil der Kopf dann nicht korrigierend eingreifen kann.“

Louisa Schmal hat den gekreuzigten Jesus mit Federn versehen. Er ist leicht geworden. Er hat es überstanden.