Aus den tiefsten Tiefen des Gedächtnisses

Petra Schneider mit Gerda Kuhstohs (re.) vor dem Hochbeet im Erlebnisgarten.
Petra Schneider mit Gerda Kuhstohs (re.) vor dem Hochbeet im Erlebnisgarten.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der Sinnes- und Erlebnisgarten im Helmut-Turck-Altenzentrum bietet den Senioren die Möglichkeit, elementare Erfahrungen zu machen.

Hagen.. Die Tastsäule im neuen Sinnes- und Erlebnisgarten des Helmut-Turck-Zentrums besteht aus Ziegelsteinen, einem Granitblock, hohlen Bambusröhren, einer Holzverkleidung und einem Kristallstein, der die einfallenden Lichtstrahlen reflektiert. In einer Schale befinden sich rund geschliffene Steine, die die alten Menschen in die Hand nehmen dürfen. Sie sind jedoch zu groß, um sie in den Mund stecken und verschlucken zu können. „Aber die Senioren können sie befühlen, in die Bambusröhren können sie den Finger stecken und die Steine und das Holz betasten“, erläutert Ulrich Goldmann (48), Leiter des Seniorenheims in Helfe.

Der Garten, von einem Zaun umgeben, der verhindert, dass demente Bewohner davon laufen, bietet den alten Menschen andererseits die Möglichkeit, elementare Erfahrungen zu machen. Aus den tiefsten Tiefen des Gedächtnisses steigen Reminiszenzen der Selbstverständlichkeit herauf: die Berührung eines glatten Steins, einer rauen Wand, das sich brechende Licht.

Begleitung und Hilfestellung

Verkalkte Menschen sind zwar nicht mehr zu intellektuellen, wohl aber zu emotionalen Erinnerungen in der Lage. Der Alltag in einem Altenheim sei oftmals durch eine gewisse „Reizarmut“ geprägt, so Goldmann: „Unser Garten dient dazu, positive Gefühle wachzurufen.“ Aber woran macht man fest, dass dieses Ziel auch erreicht wird, wenn sich die Betroffenen doch nicht mehr plausibel äußern können? „An einem freundlichen Gesichtszug, an einem Lächeln. Oder wenn die Augen leuchten.“

Wenn die Augen leuchten – Goldmann hält nichts von der in der Altenpflege lange Zeit vorherrschenden Auffassung, orientierungslose Heimbewohner allein in einem Demenzgarten herum laufen zu lassen und einfach darauf zu warten, bis sie ins Haus zurückkommen. Nein, die Betroffenen bräuchten Begleitung und Hilfestellung, um ihre noch vorhandenen Fähigkeiten zu aktivieren. Dazu dient außer der Tast- auch die Gewichtssäule, an der Hantelähnliche Rundeisen auf und ab bewegt werden können: „Das kräftigt die Muskulatur von Armen und Schultern“, so Goldmann.

Für Öffentlichkeit einsehbar

Die Arbeiterwohlfahrt, die das Turck-Zentrum betreibt, hat den 700 Quadratmeter großen Garten bewusst nicht hinter dem Heim, sondern vor dem Haus und damit für die Öffentlichkeit einsichtbar anlegen lassen. „Demente Bewohner gehören nicht separiert“, begründet Goldmann den mutigen Schritt. Bei der Gestaltung der Beete haben die Senioren das Wort gehabt. „Das Personal hat gepflanzt, die Bewohner haben die Anweisungen gegeben“, lächelt Kristina Kühne vom Sozialen Dienst der Einrichtung. Dahinter steckt die einfache Wahrheit, dass es den häufig gebrechlichen Menschen nicht mehr möglich ist, sich zu bücken und Blumenzwiebeln ins Erdreich zu drücken.

Doch an den Hochbeeten kommen auch die dementen Senioren zum Zug, hier haben sie selbst Hand angelegt und Kräuter, Tomaten und Paprika gepflanzt. „Das steckt einfach in ihnen drin, das können sie allemal besser als die jungen Leute“, so Kühne. Die Holzfiguren, die den Garten schmücken, hat eine Männergruppe aus dem Haus geschnitzt, gesägt und bemalt.

Der Rundweg, der den Garten in einer angedeuteten Spirale durchläuft, führt jeden Spaziergänger über kurz oder lang an seinen Ausgangspunkt zurück. Auch das verschafft den alten Menschen Sicherheit – auch wenn diese eher als Gefühl denn als Überlegung wahrgenommen wird.