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Stammtisch-Kultur

Auf drei Bierchen mit den „Rubbeligen 9“

19.10.2012 | 10:00 Uhr
Auf drei Bierchen mit den „Rubbeligen 9“
Die „Rubbeligen 9“ bei ihrem Jubiläumskegeln im Hagener Kegelkasino. Der Hagener Stammtisch besteht seit 50 Jahren.Foto: Martin Prehl

Eilpe. Achtung, Binsenweisheit: „Nur der liebe Gott weiß alles.“

Aha.

„Aber der Fritz weiß alles besser.“

Achso.

Ist Fritz also schlauer als der liebe Gott? „Nein, der Fritz sagt zum Zollstock nur lieber Gliedermaßstab. Der ist Diplom-Ingenieur.“

Ja, jetzt ist es klar. Ein Klugsch... also? „Nein, einfach Fritz.“

WP-Redakteur Mike Fiebig durfte zum Jubiläum bei den „Rubbeligen 9“ mitkegeln.Foto: Martin Prehl

Währenddessen hat es Peter auf Bahn eins ordentlich klingeln lassen. Alle Neune. „Dem guten Kegler ein dreifach „Gut Holz!“ Und ein Schlückchen Bier. Na, das geht ja gut los.

Neun Männer und eine Geschichte, wie sie heute nur noch ganz selten geschrieben wird. Eine Geschichte von echter Freundschaft, von Zusammenhalt und von Werten, auf die viele jüngere Generationen heute, gelinde gesagt, pfeifen. Die rüstigen Kegler, die hier gerade miteinander anstoßen, sind einer der ältesten Stammtische, die es in Hagen noch gibt. Sie sind die „Rubbeligen 9.“

Die Geschichte der "Rubbeligen"

Wir spulen die DVD – wobei es bei den „Rubbeligen“ wohl eher noch eine Kassette ist – weit zurück. Und zwar bis zum 12. Oktober 1962. In der Kneipe „Hauklotz“ in Delstern kehrt wie immer eine gutgelaunte Handballtruppe von Fichte Hagen ein. Warum ausgerechnet in den Hauklotz? Weil dort der „heißeste Feger“ in Delstern und Eilpe bedient. Soll heißen: Die Kellnerin ist eine Zuckerschnecke.

Der 12. Oktober 1962 war der Tag, an dem die Kumpels entschieden, ihren Stammtisch aus der Taufe zu heben. Und weil der Älteste in der Runde, Gründungsmitglied Ernst Lueg, damals absolut „rubbelig“ aussah, war ein Name schnell gefunden.

Wir spulen die Kassette wieder vor. Zum Hier und Jetzt. Heute ist nicht mehr so ganz klar, wer nun rubbeliger als der andere aussieht. Eines ist aber klar: Sie haben zusammengehalten. 50 Jahre lang. Jeden zweiten Donnerstag. Sie sind gemeinsam älter geworden. Sie haben Hochzeiten gefeiert, sich über ihre Kinder und deren Kinder gefreut. Sie haben gemeinsam getrauert um die Kegelbrüder, die viel zu früh gehen mussten und sie haben sich aufgerichtet, wenn das Leben mal nur Pudel für sie warf.

„1966 haben wir unsere erste Kegelbahn in Wengeberg bekommen. Seit 15 Jahren kegeln wir jetzt im Hagener Kegelcasino.“ Pächterin Rosemarie Kerres kommt an die Bahn. Einen Karton voller Pokale hat sie dabei. „Das ist für euch Jungs, weil ihr schon so viele Jahre zusammensteht.“ Es sind zwar zehn Pokale, macht aber nichts. Eine Runde Pils gibt es noch dazu. So muss Stammtisch sein.

Was auf der Kegeltour passiert, bleibt auf Kegeltour

Bevor der Reporter selbst die Bahn betritt, wird Tacheles gesprochen. Was ist dran am Vorurteil, dass Kegelbrüder sich auf ihren Touren wie die Axt im Walde benehmen? „Also, Regel eins: Was auf der Kegeltour passiert, bleibt auf der Kegeltour. Regel zwei: Fotoapparate sind streng verboten“, sagt der Ober-Rubbelige Peter Staack. Vize-Präsident Karl-Heinz Michel: „Das klingt aber härter, als es ist. Wir feiern und tanzen einfach nur gerne.“

Und hin und wieder passieren Dinge, über die sie heute noch so herzhaft lachen wie damals. Zum Beispiel, als in Grevenstein einer der Jungs mit einem Hühnerkostüm vom Kleiderschrank gesprungen ist. Oder als Karl-Heinz Michel für eine Flasche Sekt quer durch den Rhein geschwommen ist. Michel war es auch, der eine Blume gegessen hat. Nicht weil er Pflanzenfresser wäre, sondern weil er Wetteinsätze einfach ernst nimmt.

Dass der Jüngste 62 und der Älteste hier 74 ist, hält den 50 Jahre alten Stammtisch nicht davon ab, jedes Jahr wieder auf große Tour zu gehen. Dieses Jahr wieder. All-inclusive. Nach Olsberg ins Sauerland. „Das geht ab“, sagt Bernhard Mierke, „aber sowas von.“ Dann gibt es leckeren Batida de Coco und Havannah Club und Mickie Krause grölt live von der Bühne: „Sie hat nur Schuhe an.“

50 Jahre Trainingsrückstand

So, dann mal ran an die Bahn. Erste Disziplin: So viel wie geht. Anlauf. Wurf. Pudel. „Aber beim Bowling. . .“, stammele ich. „Ach was, Bowling. Unsere Kugeln haben keine Löcher.“ Der Selbstversuch: ein Desaster. Letzter Platz. 50 Jahre Trainingsrückstand sind eben ein dickes Brett.

Sie sind Lokführer, Stuckateure, ehemalige Elektromark-Mitarbeiter, Henkel-Pensionäre oder Berufsschullehrer. „Bei uns ist alles dabei“, sagt Michel. Übrigens: Hinten klingelt’s wieder. Klar, Peter Staack. Wieder alle Neune.

Es ist 22.30 Uhr. Die meisten haben etwas getrunken. Nur die drei Kegelbrüder, die heute die Fahrgemeinschaften nach Hause steuern nicht. Die traurige Bilanz des Reporters: Letzter Platz bei allen Spielen. Doch auf dem Weg in die Nacht reift der Wunsch, mit 62 Jahren auch eine Gruppe um mich zu haben, die so zusammenhält wie diese. Meine „Rubbeligen“.

Mike Fiebig


Kommentare
19.10.2012
21:34
Auf drei Bierchen mit den „Rubbeligen 9“
von oxofrmbl | #2

Achtung, der liebe Gott sieht auch diesen Artikel, und irgendwann wird er den Autor dafür bestrafen.

19.10.2012
17:40
Auf drei Bierchen mit den „Rubbeligen 9“
von Ex-Hagener | #1

Wichtige Erkenntnis: Nach 3 Bierchen keine Fotos mehr für die Onlinezeitung schneiden. Aber die Oberbekleidung kommt gut zur Geltung, immerhin...

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